Meine Horrorerfahrungen mit Heilpraktikern

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  • Sonja L.
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 9

    Hallo liebes Forum,

    ich möchte gerne von meinen Erfahrungen mit alternativen Therapien und diversen
    Heilpraktikern berichten.
    Von der Schulmedizin war ich nie besonders angetan und leider hat mich diese
    Einstellung in die Arme vieler Scharlatane getrieben.

    Meine jüngste Erfahrung mit einer Heilpraktikerin mittleren Alters:

    Die Anfahrt in die Praxis der besagten Dame gestaltete sich schon äusserst schwierig,
    das hätte mir eigentlich schon zu denken geben müssen.

    Da ich weder Auto noch Führerschein besitze bin ich auf Bus und Bahn angewiesen,
    die Praxis der Frau liegt aber ganz am Rand einer kleinen Stadt und ich hatte echt
    Mühe überhaupt dort hinzufinden. Sie hatte mir per Email zwar eine Wegbeschreibung
    zu ihrer Praxis geschickt aber irgendwie war ich trotzdem total überfordert und musste bestimmt 5 km vom Bahnhof aus laufen und dann auch noch überwiegend bergauf.
    Obwohl ich mehrmals verzweifelt bei der Frau anrief und sie um eine weitere Wegbeschreibung bat kam sie nicht auf die Idee mir vielleicht mit dem Auto entgegen zufahren und mich aufzusammeln und in ihre Praxis zu geleiten. No way.
    Auf jeden Fall kam ich dann irgendwann total erschöpft bei ihr an und war erstmal
    geschockt über ihre sogenannte „Praxis“.
    Die „Praxis“ befand sich in einem unschönen alten Reihenhaus und bestand aus einem
    kleinen 8 qm grossen Raum mit einer Liege und 2 Stühlen darin.
    Es gab weder einen Wartebereich noch eine Toilette und Begleitpersonen mussten
    in ihrer privaten Küche Platz nehmen wenn sie nicht draussen in der Kälte stehen
    wollten. In der Küche sass ein Kleinkind im Hochstuhl dass mich mit grossen Augen ansah und ich stand lieber im Hausflur bis ich in das Behandlungszimmer durfte.
    Die Heilpraktikerin machte einen symphatischen Eindruck, war sehr alternativ gekleidet mit grauen Strähnen und offensichtlich sehr religiös, da überall Jesusbilder an den Wänden hingen. Das störte mich aber nicht weiter.
    Nach einer kurzen Vorstellung ging dann die eigentliche Behandlung los und ich wurde
    erstmal von vorne bis hinten ausgefragt. Ich hatte die Frau eigentlich ausgewählt weil sie nur einen Stundensatz von 60 Euro hatte und nicht wie andere 150 Euro verlangte, aber dafür zog sie Fragestunde extrem in die Länge und bald waren wir
    bei 2 Stunden angelangt und mir rauchte langsam der Kopf von der vielen Fragerei.
    Das schien sie aber nicht weiter zu stören und sie redete weiter munter auf mich ein
    bis ich sagte dass es schon langsam dunkel wird und ich bitte gehen wollte.
    Da stutze sie kurz und drückte mir schnell einen Zettel in die Hand mit Medikamenten
    die ich mir in der Apotheke holen sollte. Mir wurde verordnet:

    1. Eine Grosspackung Schüsslersalze Nr 7.
    Davon soll ich bei einer akuten Attacke 7 Tabletten in heissem Wasser auflösen und schluckweise trinken. Man nennt es auch die heisse 7, Aha.
    2. Eine homöopathische Entgiftungskur zur Entsäuerung und Entschlackung des Körpers.
    3. Ein überteuerter Gesundheitstrunk der Firma Lavita für schlappe 50 Euro pro 500 ml.

    Dann sollte ich mir noch Gedanken machen welche „Vorteile“ mir die Migräne denn
    bringen würde z.b dass ich nicht arbeiten müsste usw!
    Ich war erstmal baff und sagte keinen Ton mehr. Dann durfte ich mir noch ein paar
    Bachblüten aussuchen die sie mir in eine kleine Glasflasche abfüllte. Die sollte ich
    dann tröpfchenweise auf meinen Ohren verreiben sobald ich wieder eine Panikattacke
    verspüren sollte. Aha. Ich habe teilweise heftige Panikanfälle auch bedingt durch
    die Migräne und die gehen sicher nicht mit Bachblüten weg!

    Ein paar Tage später kam dann die Rechnung ins Haus geflattert über schlappe 130 Euro für 2 Stunden Gequatsche und dann noch zusätzlich die Kosten der Medikamente die auch nicht gerade billig waren.

    Am meisten geärgert hat mich aber dieser komische Lavitasaft bei dem ich bei der Bestellung noch ihre Kundennummer angeben sollte. Kein Wunder weis ich heute, pro veordnete Flaschen bekommen die Therapeuten 10 Euro Provision!
    Wenn die also 10 Leuten dieses Zeug aufquatscht bekommt sie ganze 100 Euro Provision von der Firma in den …. gesteckt.

    Ohmann ich bin mal wieder um eine schlechte Erfahrung reicher, zum Glück hab ich eine private Versicherung für Heilpraktiker und muss darum nicht alles aus eigener Tasche bezahlen, trotzdem ist es ärgerlich.

    Besonders der Kommentar mit „was bringt ihnen die Migräne für Vorteile“ klingt mir
    noch in den Ohren und ich ärgere mich wirklich dass ich nicht gleich kontra gegeben habe. Was fällt dieser Frau eigentlich ein?
    Mir kommt es sowieso spanisch vor das viele Leute im mittleren Alter ihren Beruf plötzlich hinschmeissen und auf Heilpraktiker umsatteln. Dann haben die doch selber die Nase voll vom arbeiten oder sehe ich das falsch?

    Abgesehen davon würde ich gerne Vollzeit arbeiten dann müsste ich mich nicht mit diversen Putzjobs über Wasser halten für 8,50 Euro die Stunde. Ich verdiene jedenfalls keine 130 Euro für blödes Gelaber.

    Die sagte das auch in einem richtig giftigen Tonfall und funkelte mich dabei böse an als ob sie neidisch auf mich wäre. Es macht ja auch so viel Spass tagelang mit Migräne im Bett zu liegen und nicht arbeiten zu können.

    So jetzt habe ich Euch aber vollgelabert sorry, ich glaube ich wollte mir das nur von der Seele schreiben.

    LG

    Katrin
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 583

    Guten Morgen liebe Sonja,

    beim Lesen deines Beitrages ging mir durch den Kopf, dass man aus diesem Erlebnis ein tragisch-komisches Theaterstück inszenieren könnte…?!

    Im Rückblick erscheint es mir immer erstaunlicher, was ich im Laufe der Jahre – aus der Verzweiflung über meine Situation heraus – ausprobiert und mir gefallen lassen habe. Verständlich, dass man hoffnungsvoll nach jedem Strohhalm greift. Heute würde ich mich nicht mehr so unkritisch, hoffnungsvoll und bestärkt durch die „Argumente“ dieser „Praktiker“ in deren Hände begeben. Aber ich kann es nicht rückgängig machen und buche es wie du unter dem Thema Erfahrung ab.

    Natürlich waren mir die meisten dieser Menschen sympathisch und ich fühlte mich wohl in und unter ihren Händen. Und ganz sicher wollten die meisten von ihnen mir auch wirklich helfen.

    Vielleicht ist die Motivation für einen Wechsel in diesen Bereich auch eine gewisse Unzufriedenheit mit Teilen unseres Gesundheitssystems – sowohl beim Patienten als auch für die Praktizierenden.

    Wir Patienten wollen wahr- und ernst genommen werden, möchten, dass sich unser Gegenüber Zeit nimmt, uns zuhört und beHANDelt. Im Alltag vieler Arztpraxen fühlen sich viele Patienten in diesen Punkten nicht ausreichend gut betreut. Ich glaube, auch das ist ein Grund dafür, dass diese „Branche“ so boomt.

    Allerding habe ich auch Situationen und Argumente mit und von Ärzten in niedergelassenen Praxen und Krankenhäusern erlebt, die einfach nur haarsträubend sind. Das würde ich heute nicht mehr unkommentiert stehen lassen.

    Liebe Grüße
    Katrin

    Viva la Vida! ?

    alchemilla
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 3993

    Arme Sonja!
    Das war ja wirklich ein Horrortrip.
    Verbuche es als Erfahrung. In Zukunft wirst du all diesen naiven Äußerungen über Migräne, die solche Laien von sich geben, etwas entgegen zu setzen haben.
    Ich glaube, wenn man sie fragt, WIE VIELE Menschen mit chronischer Migräne sie denn geheilt haben, dann werden sie stutzig.

    Ich wünsche dir, dass du bald einen guten Arzt mit einem tragfähigen Behandlungskonzept findest ! ! ! !

    LG
    alchemilla

    heika
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 5698

    Danke, Sonja, für diesen Beitrag.
    Wir alle können davon lernen und du machst anderen Betroffenen Mut, sich auf so etwas gar nicht erst einzulassen bzw. solche Termine auch abzubrechen.

    Ich war mal bei einem Arzt, der im Alleingang, ganz ohne Sprechstundenhilfe arbeitet. Während der Anamnese bekam er vier Patientenanrufe, die er nicht nur entgegennahm, sondern auch kurze Beratungen durchführte. Ich war kurz davor aufzustehen und zu gehen. Hätte ich es nur getan! Doch ich kenne seine wirklich nette Frau und war deshalb zu höflich.

    Lieber Gruß
    Heika

    heika
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 5698

    Liebe Katrin,

    das stimmt absolut, was du schreibst, kann ich nur unterstreichen.

    Unser Gesundheitssystem krankt an allen Ecken und Enden. Ein schwerwiegender Punkt ist, dass Beratungen, die zeitlich sehr aufwändig sein können, nicht honoriert werden. Es gibt Fixbeträge pro Patient und Quartal, darüber hinaus arbeitet ein niedergelassener Arzt umsonst.
    Das absolut Verquere ist auch noch, dass ein Arzt kein Geld für Dinge annehmen darf, die durch Kassenleistungen abgedeckt sind. Das hat mir ein Arzt auf jeden Fall mal so erklärt. Was für uns bedeutet, dass wir dieses Geld für eine ausführliche Beratung nicht bei einem Arzt ausgeben können für eine gute Beratung, weil er das gar nicht darf.

    Dieses Vakuum füllen viele unseriöse Anbieter geschickt aus. Zum doppelten Nachteil für den Patienten, fachlich und geldmäßig.

    Es gibt allerdings auch Ärzte, sowohl in Krankenhäusern als auch Arztpraxen, die sich sehr bemühen. Diese Perlen muss man nur erst mal finden. ?

    Lieber Gruß
    Heika

    • Diese Antwort wurde geändert vor 1 Jahr, 7 Monate von  heika.
    Bettina Frank – Admin
    Keymaster
    Beitragsanzahl: 28221

    Liebe Sonja,

    das ist wirklich haarsträubend, was Du erleben musstest. Leider ist all dies gängige Praxis und im Grunde ist jeder Humbug erlaubt, den Heilpraktiker ausüben. Es gibt keine Überwachung, keine Standards, ja noch nicht mal eine einheitliche Ausbildung ist vorgeschrieben. So kann jede(r), der grad gelangweilt ist, ohne vorgeschriebene (!) Ausbildung die Prüfung (multiple choice) absolvieren und sich ein Schild an die Tür hängen. Die angeblich so schwierige Prüfung habe ich ohne nur eine Sekunde mir was anzusehen schon im Internet gemacht. Jeder, der auch nur ein klein wenig medizinische Vorkenntnisse hat, schafft diese Prüfung auf Anhieb. Der Grund, warum oft über 80 % durchfallen, ist schlicht der, dass die Leute null Ahnung haben.

    Da wird dann gerne auch mal direkt in Muttis Küche „therapiert“ und die Not kranker Menschen ausgenutzt. Boah, da krieg ich echt Aggressionen …

    Lies gerne auch mal in dieser Gruppe hier, da hätte Dein Beitrag auch reingepasst: https://headbook.me/groups/wege-und-irrwege-im-kampf-gegen-migraene/forum/
    Du siehst also, dass Du mit Deiner Erfahrung nicht alleine bist.

    Danke für diesen Bericht, davon können andere lernen und müssen vielleicht diese Erfahrung nicht machen.

    Dass in unserem Gesundheitssystem leider einiges im Argen ist, sollte kein Grund sein, deshalb die Medizin ganz zu verlassen und sein Heil in der Esoterik und im Voodoo-Zauber zu suchen. Dort ist nie das Heil zu finden, vielmehr Unheil, Abzocke und abenteuerliche Heilsversprechen mit noch abenteuerlicheren Therapieoptionen.

    Liebe Grüße
    Bettina

    Frank
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 95

    Hallo zusammen,

    das war wirklich amüsant zu lesen, wobei es sicherlich nicht lustig ist. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht, wobei ich davon überzeugt bin, daß es auch gute Heilpraktiker gibt. Genauso, wie es auch gute Ärzte gibt.

    Es ist wahrscheinlich schwierig nach so einer Erfahrung das Vertrauen in diese Zunft wieder zu erlangen. Wie willst du weiter machen, willst du noch einen Versuch wagen?

    LG

    Frank

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