Wer weiß von eurer Krankheit?

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  • Annika
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 7

    Hallo zusammen,

    ich bin zum ersten Mal länger krankgeschrieben (seit Anfang August, also seit knapp drei Monaten) und werde Weihnachten 2019 in Kiel verbringen. Die Frage, die mich eigentlich gerade am meisten beschäftigt, ist: Wieviel erzähle ich meinem Arbeitgeber eigentlich, wenn ich zurückkomme? Wieviel erzähle ich Arbeitskolleg_innen? Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass es sehr schwierig ist, eine einmal preisgegebene Information noch zu kontrollieren — erzähle es einer Person, am nächsten Tag weiß es das halbe Haus inklusive der Chefetage. Bei meinem aktuellen Job wusste deshalb nur der Kollege Bescheid, mit dem ich eng und unmittelbar zusammenarbeite, und der hat auf meine Bitte auch dichtgehalten, hat aber nun leider den Einsatzort gewechselt. Mit wem ich künftig zusammenarbeiten werde, weiß ich noch nicht.

    Ich würde deshalb gern mal die Frage in die Runde stellen: Wie geht ihr in euren Jobs damit um? Erzählt ihr die Wahrheit? Habt ihr gleich von Anfang an eurem Arbeitgeber reinen Wein eingeschenkt? Wenn ihr zwei Wochen krankgeschrieben wart, und Arbeitskolleg_innen denken es wäre ne Grippe gewesen, lasst ihr sie in dem Glauben oder lügt sie sogar aktiv an? Und wie geht es euch dabei?

    Freue mich über Antworten!
    LG, Annika

    Rosinante
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 363

    Liebe Annika,

    ich gehe offen damit um.
    Kollegen, Vorgesetzte und Schüler wissen Bescheid.
    Dichthalten klappt im Allgemeinen nicht.

    Ich habe chronische Migräne und muss dann auch bei einem Anfall schnell nach Hause, da ich auch als Aura massive Wortfindungsstörungen habe. Und das als Deutschlehrerin.
    Meine Kollegen und die Schüler wissen was los ist,wenn ich nicht mehr richtig reden kann.
    Ich könnte das somit auch nicht verstecken und bedenke, das Verstecken kostet auch Kraft.

    Seit ich einen GdB von 50 habe, ist die Akzeptanz größer.
    Zu dem Behindertenausweis hatte mir übrigens Professor Göbel geraten.
    Ich war vor 6 Jahren über Silvester in Kiel.
    Freu dich drauf.

    Liebe Grüße
    Rosinante

    Jasute
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 79

    Liebe Annika,

    Meine engeren Kollegen wissen was bei mir „los“ ist. Ich arbeite nun seit viereinhalb Jahren dort, hatte also vorher auch schon meine Kopfschmerzen. Zu Anfang habe ich nichts gesagt. Aber es ist seit geraumer Zeit viel schlimmer geworden. Ich weiß allerdings auch erst seit ca. einem Jahr, dass ich Migräne habe. Meine neusten Erkenntnisse über Migräne müssen sich mein KollegInnen auch immer anhören.

    Meine letze Aura ist zum Glück schon wieder etwas her aber eine Zeitlang war sie häufiger und kam dann auch auf der Arbeit. Ich arbeite u.a. auch im Publikumsverkehr, so dass jemand für mich auch schon mal Termine übernehmen musste. Neben anderen Symptomen sehe ich dann nur noch die Hälfte und in dieser Situation fühle ich mich nicht mehr in der Lage meine Arbeit auszuführen. Ich habe dann auf der Arbeit die Aura abgewartet und dann ab nach Hause. Also war es noch ein Grund, warum ich darüber offen gesprochen habe.

    Aber, es kommt wohl echt auf die Rahmenbedingungen an. An meinem Standort arbeiten rund 300 Mitarbeiter, unser engeres Team hat um die 35 Leute. Da wissen es wohl mittlerweile alle, weil sie es halt mit der Zeit einfach mitbekommen haben – ohne dass ich es einige explizit erzählt habe. Mein dirketre Chef weiß es auch. Ich habe es bewusst mitgeteilt, weil es auch Auswirkungen auf die Arbeit hat und ich Verständis für mich einfordere und sich auch Veränderungen (separiertes Büro, Telearbeit, Ausfallzeiten etc.) damit ergeben (…müssen).

    Aber ich bin vom Typ auch so, dass ich für mich einstehen kann und keiner von denen mich als Simulant beschimpft oder sich das trauen würde. Die bekommen meinen „Zustand“ aber manchmal auch hautnah mit. Und es gibt auch einige der KollegInnen, die mir beistehen und auch für mich „kämpfen“, wenn Rahmenbedingungen nicht akzeptabel sind.
    Angst um meinen Arbeitsplatz brauche ich allerdings auch nicht haben, so dass ich mich auch ohne Probleme krankschreiben lassen kann. Da hemmt mich manchmal eher mein eigener Anspruch und mein Pflichtbewusstsein.

    Ich hoffe, du findest einen Weg, wie DU damit umgehen kannst.

    Lieben Gruß
    Jasmin

    • Diese Antwort wurde geändert vor 2 months von Jasute.
    Annika
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 7

    Hmm ich weiß nicht. Es ist auf jeden Fall ermutigend zu hören, dass es so positive Beispiele gibt.
    Genau wie Rosinante arbeite ich an einer Schule, allerdings nicht als Lehrerin, sondern als Sozialarbeiterin, was oft in sich schon eine schwierige Position ist. Was ich mache, ist ein relativ einzigartiges Projekt, ich betreibe einen offenen Jugendclub innerhalb der Schule, der entsprechend während der Schulzeit geöffnet ist. Im letzten Schuljahr habe ich diesen Club — in der Schule bekannt als „Wohlfühl-Raum“ oder „Wohlfühl-Oase“ zusammen mit einem Kollegen betrieben, mit dem ich mich sehr gut verstanden habe und mit dem es super geklappt hat, Arbeitszeiten und Belastungen so einzuteilen, dass es uns beiden gutging. Da er aber außer mit unserem Kleinteam mit so ziemlich allem an der Schule unzufrieden war, hat er zum neuen Schuljahr den Standort gewechselt. Ich habe mehrmals darauf hingewiesen, dass es kaum machbar ist, so ein Projekt allein zu betreiben, und deshalb schnell eine neue Kraft organisiert werden muss, aber das hat niemanden auf der Leitungsebene sonderlich interessiert. Da meine Schmerzen immer, seit ich wusste dass mein Kollege geht, kontinuierlich schlimmer geworden sind und jetzt nicht einmal Verstärkung in Sicht war, habe ich mich zu Anfang des Schuljahrs krankschreiben lassen und mich dann in Absprache mit meiner Ärztin um den Klinikaufenthalt in Kiel gekümmert.
    Es wäre sicherlich eine Idee, ein eigenes Büro zur Bedingung dafür zu machen, dass ich weiter in dem Job arbeite. Das viele Rein und Raus, der Kickertisch, die laute Musik bei uns im Raum… die Atmosphäre ist auch für gesunde Menschen anstrengend. Der Schulleiter traut sich kaum zu uns rein 🙂
    Allerdings glaube ich, ich kann fordern was ich will, die Schulleitung wird nur antworten dass ihnen mal wieder die Mittel gekürzt wurden und sie sich keine Extrawünsche leisten können und die Lehrkräfte ja auch keine eigenen Büros haben und überhaupt.
    Ich muss da noch ein bisschen drüber nachdenken.
    Freue mich über Feedback!

    Jasute
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 79

    Hallo Annika,

    oh ja, den Krach und den damit verbundenen Stress und entsprechenden Auswirkungen kann ich sehr gut nachfühlen.
    Ich bin Sozialpädagogin und habe, bevor ich beim Jobcenter anfing, beim Bildungsträger gearbeitet. Zuletzt in eine Projekt mit jungen Erwachsenen, wo dieses unter Anleitung ein altes Zechengebäude renovierten. Den ganzen Tag krach und Lärm und den ganzen Winter über mächtig kalt. Ich habe oft in Skihose gearbeitet, weil es selbst in meinem Büro – welcher auch Gruppenraum war – kalt war. Ein Baustellenrundgang war an „schlechten“ Tagen nicht möglich für mich. Generell teils keine schöne Zeit, an die ich zurück denke.

    Ich habe letzlich meinen sicheren, unbefristeten Arbeitsplatz sausen lassen, da ich das gesundheitlich nicht mehr konnte und wollte und meine Chefin nicht gewillit war, mich von dort wieder abzuziehen. Es wäre möglich gewesen aber ich bin da wirklich auf taube Ohren gestoßen.
    Bist du bei der Schule direkt angestellt? Hast du einen GdB? Gibt es vielleicht LehrerkollegInnen, mit denen du gut klarkommst und die sich vielleicht für dich mit einsetzten könnten?

    Lieben Gruß
    Jasmin

    Daniela
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 684

    Hallo Annika,

    ich persönlich habe gute und schlechte Erfahrungen gemacht. Ein Vorgesetzter hat sich jede Krankmeldung kopiert; genau Buch geführt, wer wann wie lange und weswegen (das geht ihn eigentlich gar nix an!!) krank war. Zu dieser Zeit hatte ich Wechselschicht. Mir wurde von Schmerztherapeuten nahe gelegt, aus dem Schichtdienst auszutreten. Das wurde auch ermöglicht – allerdings hat mein damaliger Chef mich dann darauf festgenagelt….so nach dem Motto „Du hast gesagt, ohne Schichten wird das besser…, warum bist du trotzdem dauernd krank???“. Aber ich war nie, auch nicht in besonders labilen Phasen, nie mehr krank als andere, die jede Grippe, jede Erkältung und jede Sportverletzung mitnahmen.

    Nach 7 Jahren habe ich die Abteilung gewechselt, gleiche Firma, aber kleinerer familiärer Standort, auch noch 200km weg vom alten 😉

    Da war ich anfangs etwas vorsichtiger. Aber hier sind wir einfach eine große Familie. Und da sorgt man sich umeinander. Ich arbeite jetzt in einen sehr guten kleinen feinen Team – da wissen alle bescheid. Momentan benimmt sich meine Migräne echt gut, meistens habe ich unter 6 Attacken im Monat und habe so ca. 1-3 Kranktage im Quartal, eher weniger.

    Jetzt mache ich eher sehr gute Erfahrungen – aber wie gesagt, das Team ist klein, und die Teamleiter legen großen Wert darauf, dass wir gesund erscheinen – wer krank ist soll bitte zu Hause bleiben. Wir haben einen Steuerkreis Gesundheit, der gesundheitsfördernde Maßnahmen durchführt; Vorsorgeuntersuchungen, Sportangebote usw. Und es gibt Kümmerer (zufällig bin ich einer *g*) die dafür da sind, sich um das psychische Wohlergehen der Kollegen zu „kümmern“. Da geht es nicht um einzelne, eher um Faktoren, die das Wohlergehen von Gruppen angehen; also Lärm, falsche Arbeitsposition, Gruppendynamik etc.

    Also mein Fazit: es kommt sehr auf das Gegenüber an. Ich erzähle nicht jedem alles. Aber die Leute die mit mir direkt zusammen arbeiten wissen schon bescheid. Ich hatte letztes Jahr eine Attacke, wo auf einen Schlag nichts mehr ging – ich hab mich in die Umkleide gesetzt und auf meinen Mann gewartet, der mich abholen sollte. Das hat ein bisschen gedauert, weil der noch Termine hatte – mein Chef hat alle paar Minuten jemanden geschickt um zu gucken ob ich noch lebe *g*. War schon süß irgendwie – musste ihn schon überreden, dass er keinen Krankenwagen holt – alleine dafür ist es gut, dass die Leute wissen es ist im Prinzip alles gut, ich muss nur heim, brauch meine Medis und morgen ist alles wieder gut 🙂

    Seit diesem Vorfall gibt’s keine Witze mehr…über n bissle Kopfschmerzen *g*.

    Ein kleiner Tip für dich: es gibt Gehörschutz, der durch spezielle Filter die nervigen Geräusche nimmt; du kannst dich trotzdem noch gut unterhalten oder Signaltöne wahrnehmen. Wenn du kein eigenes Büro bekommst, denke mal über diese Möglichkeit nach. Gibt es bei jedem guten Hörgeräteakustiker. Ich arbeite gerade daran, dass mein Arbeitgeber die bezahlt, für die ganze Abteilung – aber naja; in einem Konzern mit gewissen Abläufen, dauert das etwas ;o) für mich privat habe ich das schon lange, übrigens auch zum schlafen – es tut so gut, nicht bei jedem Geräusch aufzuwachen (erst recht wenn der Mann nebendran schnarcht wie ein Elch *g*).

    Vielleicht könnt ihr in eurem Jugendclub auch eine chillout-area einrichten, in der es still(er) ist – das wäre auch gut für die Jugendlichen ;o) Dann könntest du da ab und zu abschalten.

    Ich wünsche dir alles Gute für Kiel!
    Grüßle Daniela

    Annika
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 7

    Hallo ihr und vielen Dank für die ausführlichen Berichte!

    Es ist für mich das erste Mal, dass ich mich offen mit Leuten austauschen kann, die dieselbe oder annähernd dieselbe Krankheit haben, das ist irgendwie total… hab ich grad kein Wort für. Ist auf jeden Fall toll.

    Ich glaube, sollte ich bei meinem aktuellen Job bleiben, dann werde ich es dabei lassen, dass nur sehr wenige Eingeweihte Bescheid wissen. Die Schule ist einfach zu groß, und ich muss mit einigen Lehrerinnen zusammenarbeiten, mit denen das Verhältnis sowieso angespannt ist (bis an der Schule eine Sozialarbeit eingerichtet wurde, waren sie allein für die Beratung zuständig. Ich bin in ihren Augen keine Bereicherung oder Unterstützung, sondern lästige Konkurrenz.), und ich will nicht, dass die das erfahren. Ich bin mir sicher, dass die sich über jede Information freuen, die sie gegen mich verwenden können, und auch wenn ich keine Angst vor ihnen habe, ist es trotzdem eine unangenehme Situation. Außerdem mag ich diese drei nicht und will einfach nicht, dass die etwas derart Persönliches über mich wissen.
    Aber das Brainstorming zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, das hier gerade läuft, ist wirklich super. Daniela, kannst du mehr von diesen Hörgeräten berichten? Wie genau funktioniert das — man kann damit noch hören und Gespräche führen, aber andere Geräusche werden ausgefiltert? Das wäre auf jeden Fall auch für zu Hause interessant, um die Techno-Vorlieben meiner Nachbarn oder den Fluglärm auszublenden.

    Danke und liebe Grüße!
    Annika

    Annika
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 7