Warum wird Migräne chronisch?

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  • Claudia
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 33

    hallo liebe migräne- community,

    eine frage beschäftigt mich schon länger, aber ich habe hier noch keine antwort dazu gefunden und vergesse auch immer, in kiel nachzufragen:

    warum wird aus einer episodischen migräne eigentlich eine chronische migräne? abgesehen natürlich davon, dass die anzahl der schmerztage zunimmt bzw. die schwelle von 15 überschreitet.

    was macht das gehirn bzw. die reizverarbeitenden nerven? warum haben sie immer mehr probleme? warum kann es sein, dass man immer mehr schmerztage bekommt, obwohl man die trigger minimiert hat? ist das so eine art gewöhnung? oder reagiert man noch empfindlicher auf alles und jeden kleinesten reiz? spielt zunehmendes alter eine rolle?

    dass mein migränikerinnen- hirn anders auf reize reagiert als ein normales hirn, habe ich in kiel gelernt und akzeptiert. auch dass ich mein leben daran anpassen muss.

    schwierig zu verstehen, wieso mein kopf dann immer mehr migräne macht.

    und bei vielen hier scheint es ja ähnlich zu sein.

    hat jemand eine medizinische (neurologische) erklärung?

    euch eine schmerzfreie adventszeit (mit wenig blockflöte-spielenden kindern 😉
    claudia

    heika
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 5729

    Liebe Claudia,

    die Phase der Blockflöte-spielenden Kinder habe ich hinter mir. Es gibt Dinge, die ein Migränekopf nicht vermisst… 😉
    Und ich habe mir fest vorgenommen, vor den nächsten Erledigungen in der Stadt Ohropax in die Ohren zu stopfen. Dieses laute Dauergedudel ist für mich ein Trigger „der ersten Reihe“.

    Die beste Erklärung für die Verschlechterung einer Migräneerkrankung im Laufe der Jahre habe ich bei einem Forentreffen mal von Prof. Göbel selbst gehört: Migräne ist oft eine progredient verlaufende Erkrankung, also eine fortschreitende Erkrankung.

    Und deshalb ist es oft schon ein großer Erfolg, wenn sich ein Krankheitsverlauf über einen längeren Zeitraum hinweg nicht verschlechtert. Viele Patienten sind frustriert, wenn sich trotz vieler Bemühungen in alle Richtungen keine Besserung zeigt. Prof. Göbel sagte damals, dass eine Verhinderung einer Verschlechterung auch schon ein Erfolg ist, nur wird dieser nicht wahrgenommen, weil die Patienten nur das Gefühl haben, dass sich nichts tut.

    Und leider gibt es bei einigen ein weiteres Verschlechtern trotz aller Bemühungen. Vielleicht verläuft es langsamer, vielleicht ist es aber auch einfach so, dass es durch nichts aufzuhalten ist. So etwas ist ja nicht messbar.

    Sicher ist auf jeden Fall, dass das Erleben von häufigen und starken Schmerzen immer noch schmerzempfindlicher macht. Unser Nervensystem härtet nicht ab, es wird immer sensibler. Deshalb ist es auch so wichtig, dass man möglichst eine gute Attackenbehandlung findet und/oder, falls nötig, durch eine medikamentöse Prophylaxe Erleichterung in der Frequenz und Stärke der Attacken verschafft.

    Das zunehmende Alter arbeitet eher für uns 😉 . Viele alter werdende Menschen berichten von einer Besserung ihrer Migräne, manche gar von einem Verschwinden, was dadurch bedingt ist, dass unser Gehirn im Alter langsamer arbeitet. Was mit weniger Reizen und weniger Problemen bei der Reizverarbeitung einhergeht.

    Lieber Gruß
    Heika

    Claudia
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 33

    liebe heika,

    das erklärt es wirklich gut! vielen dank für deine ausführliche antwort.

    dann werde ich jetzt mal auf das alter warten (ich meine dr. heinze meinte mal ab 70 schrumpft das gehirn….ist bei mir noch laaange hin). aber alleine zu verstehen, dass meine nerven immer sensibler werden, und dass das der „normale“ migräneverlauf ist, hilft mir auch schon ein wenig.

    hier habe ich noch einen tipp an dich: ich habe mir so spezielle ohrstöpsel bestellt, die nur bestimmte frequenzen (die hohen?) rausfiltern, mit denen man aber noch etwas höhren kann. die muss man dann, im gegensatz zu ohropax, nicht rausnehmen, wenn man z.B. mit einer verkäuferin spricht.

    ich trage sie auch mal zuhause, wenn mein sohn gitarre übt (blockflöte habe ich ihm nicht erlaubt;)

    lg claudia

    Don Jan
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 72

    Danke für die gute Erklärung, dass man mit mehr Schmerzen nicht „abstumpft“ war mir neu.

    Zum Thema Ohrstöpsel: Lass Dir vom Akkustiker eine Otoplastik („Ohrstöpsel“) anfertigen. Die werden genau angepasst und sind dadurch auch den ganzen Tag tragbar. Es gibt eine Variante, bei der man die Filter wechseln kann. Ich trage diese häufig im Büro mit einem 15dB Filter. Ich kann jedes Gespräch verstehen, nehme so aber störendes Umgebungswirrwarr raus. Hat bei mir sogar die Krankenkasse gezahlt. Kosten 200-300 Euro inkl. einem Filtersatz.

    Ruth
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 72

    Hallo Daudau,
    also bei mir kann ich genau sagen, warum meine episodische Migräne chronisch wurde,- vor sieben Jahren.
    Ich habe von einer halbtags Büroarbeit gewechselt in meinen alten Beruf, die Altenpflege.
    Der viele Stress und vor allem wohl die Schichtarbeit,
    das hat mein Kopf nicht verkraftet.
    Inzwischen bekomme ich Frührente,- habe zwar immer noch chronische,hochfrequente Migräne,aber durch Prophylaxen viel schwächer als früher und sicher auch durch das ruhige Leben.

    LG Ruth

    Anne-Mone
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 13

    Hallo Heika,

    auch ich plage mich seit einigen Jahren mit chronischer Migräne herum. Dass es sich dabei um einen fortschreitenden Krankheitsverlauf handelt, habe ich jetzt erstmals in Deinem Beitrag gelesen.

    Auch ich stellte meinen Behandlern die Frage, warum es trotz all meiner Bemühungen immer schlimmer wird. Folge ich doch seit Jahren allen therapeutischen Empfehlungen und frage mich, was soll ich denn noch tun? Ruhiger als in meinem Leben geht es nur noch auf dem Friedhof zu.

    Ich finde, uns wird häufig suggeriert, dass wir die Anfälle selbst verschulden und das finde ich ganz schön diskriminierend. Von daher danke ich Dir sehr für diese Information (das baut mich direkt auf). :o)))

    Lieben Gruß
    Anne-Mone

    heika
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 5729

    Hallo Anne-Mone,

    es stimmt tatsächlich, dass man uns manchmal das Gefühl gibt, wir hätten irgendetwas falsch gemacht und eine Migräneattacke „provoziert“.

    Wenn ich einen guten Tag habe und aktiver bin als sonst, bekomme ich manchmal Kommentare zu hören wie „Übernimm dich nicht!“ oder „Geht das denn mit deinem Kopf?“ oder „Pass auf, dass du deswegen nicht wieder Migräne bekommst.“ Ich antworte dann immer, dass ich auch Migräne bekomme, wenn ich nur faul auf der Couch herumliege.

    In zwei Wochenn Urlaub habe ich mal in einer Woche gar keine Migräne gehabt, in der anderen Woche drei Attacken. Das führe ich auch immer an, wenn Unwissende davon ausgehen, dass im Urlaub meine Migräne sicherlich besser sein wird. Nein, ist sie nicht. Sie schmuggelt sich regelmäßig und gegen meinen Willen im vollen Umfang ins Gepäck. ? ?

    Dieser Satz von dir brachte mich zum Lachen

    Ruhiger als in meinem Leben geht es nur noch auf dem Friedhof zu.

    Ich habe in meinem Leben wegen der Migräne sogar den Beruf gewechselt, meine Lebensumstände wirklich optimiert – und trotzdem wurde mein Kopf immer schlimmer. Neulich sagte ich mal zu jemandem: „Wenn ich noch ruhiger leben soll, dann lebe ich rückwärts!“ ?

    Lieber Gruß
    Heika

    • Diese Antwort wurde geändert vor 9 months, 3 weeks von heika.
    alchemilla
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 3997

    Und genau so unerklärlich und unkontrollierbar kann die Migräne auch wieder zurückgehen und episodisch werden.
    Ab und zu passiert auch so etwas.

    Claudia
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 33

    guten morgen, ihr mit- leidenden!

    rückwärtsleben! das ist gut! so kommt mir mein leben auch vor!

    aber immerhin habe ich es gestern zu meinem quartalstermin nach kiel geschafft (diese ausflüge sind schon das aufregendste was in meinem leben passiert 🙁

    ich habe dort nun auch nochmal meine oben angeführte frage gestellt und auch heikas bzw. göbels antwort zitiert.
    frau dr. heinze, bei der ich gestern war, sagte, dass sie mir die frage nicht so beantworten kann (da sie nicht so in der grundlagenforschung ist, wie ihr Mann oder Prof. Göbel), aber was sie immer wieder feststellen ist:

    es gibt patienten, die seit 25 jahre kommen, und bei denen häufigkeit und intensität der mig konstant geblieben sind. und dann sind da die patienten, bei denen es immer schlimmer wird.

    leider wissen sie nicht, wieso das so ist. es gibt zu diesem thema keine studie. aber es könne sehr wertvoll sein, das zu wissen, da dann natürlich auch die behandlungen viel besser angepasst werden könnten (z.b. prognose wer responder bei antikörpertherapie ist). irgendeinen unterschied zwischen diesen beiden gruppen muss es geben, mögen es die gene sein, stoffwechselprozesse, im schmerzprozess….

    für mich wäre es auch eine erleichterung zu wissen, dass die rapide verschlimmerung meiner schmerzen nicht an meinem verhalten liegt (mache natürlich auch schon alles wie empfohlen), sondern an einer prädisposition meines körpers.

    bis dahin versuche ich mich an meinem rückwärts—leben zu erfreuen,
    claudia

    Anne-Mone
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 13