Beschäftigung mit dem Schmerz

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  • Bettina Frank – Admin
    Keymaster
    Beitragsanzahl: 28354

    Ihr Lieben,

    in anderen Gruppen hier in Headbook und auch in der Migräne Community auf Facebook kommt immer wieder das Thema auf, wie man zum Schmerz stehen sollte, dass man ihn annehmen, ihn „liebevoll“ empfangen soll und sogar begrüßen.

    In mir sträubt sich alles, wenn ich so etwas lese und mitbekomme, wie solche Empfehlungen gelegentlich auch von Psychologen kommen. Vieles wird auch selbst erlesen aus diversen Ratgebern, die in Hülle und Fülle zur Verfügung stehen und nicht selten mehr verwirren und aufwühlen, als dass sie einem sinnvoll zur Seite stehen.

    Das mag jetzt sehr polarisieren und auch unpopulär rüberkommen … ? Ich habe oft sogar das Gefühl, dass sich bei vielen Schmerzkranken – und besonders bei Migränikern – sowieso viel zu viel um den Schmerz dreht, man sich zu sehr beobachtet, zu sehr in den Mittelpunkt stellt und permanent um sich selbst kreist. Aus der Erfahrung nach über 10 Jahren Beratung und mit jetzt ínsgesamt gut 11000 Mitgliedern in den beiden Gruppen zusammengenommen, drängt sich mir oft dieser Eindruck auf. Da wird analysiert und gelesen, ein Selbsterfahrungskurs nach dem anderen durchgezogen, MBSR usw. Selbstfindung wird zur Lebensaufgabe, man fühlt sich durch seine Schmerzerkrankung nicht selten dann als der Nabel der Welt, um den alle zu kreisen haben.

    Dabei wird oft vergessen, dass man nicht selten auch sehr viel verlangt und erwartet von seiner Familie, den Angehörigen und Freunden. Man ist krank und der Partner hat sich danach zu richten. Oft wird empfohlen, mehr auf sich zu hören, sich wichtiger zu nehmen – dabei nimmt man sich manchmal eh schon fast zu wichtig. Ausnahmen gibts natürlich immer, das ist ja unbenommen. Es gibt auch diese Samariter, die immer nur für andere da sind, sich selbst gar nicht mehr wahrnehmen und sozusagen untergehen. Diese sollen lieber hier gar nicht mitlesen. ? ?

    Diese Gedanken kommen mir immer wieder mal, so dass ich das mal ansprechen und Eure Meinung dazu hören möchte.

    Liebe Grüße
    Bettina

    Jojo
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 331

    Liebe Bettina,

    Das mit dem Schmerz liebevoll empfangen und/ oder hinhören, was er uns sagen will, macht mich auch wuschig.

    Migräne ist ein nutzloses Biest, und ich sträube mich dagegen, darin irgendeine „message“ oder einen Sinn zu sehen.

    Was das permanente „Drehen“ um das Thema Migräne angeht, gebe ich dir recht. Ich will nicht über meine Erkrankung definiert werden. Ich bin mehr als nur Migräne. Auch wenn es ein Thema ist, was mir wichtig ist, und für das ich mich gerne engagiere.

    Wie oft beginnen Gespräche mit „wie geht es deiner Migräne“? Meine Standardantwort ist meist: „die hält sich“.

    Dieser lieb gemeinten Frage versuche ich so wenig Wichtigkeit wie möglich einzuräumen. Migräne raubt mir eh viel Zeit, da will ich nicht dauernd dran erinnert werden oder mich außerhalb meiner Anfälle damit beschäftigen.

    Das Ganze steht natürlich im Widerspruch dazu, dass ich leidenschaftlich gerne und oft auf Headbook und Migräne Community berate. Aber das sehe ich losgelöst von meinem eigenen „Leiden“.

    Je besser ich mit Migräne umgehen kann, desto kleiner ist mein Bedürfnis mich selbst mitzuteilen. Wobei das bei meinen Anfängen in „social media“ ganz sicher anders war. Es hat sich halt so entwickelt ?

    Vielleicht entsteht der Eindruck, dass einige den Schmerz als Dreh-und Angelpunkt ihres Lebens sehen, dadurch, dass auf Headbook/ Migräne Community das ja auch das zentrale Thema ist. Und ganz sicher zieht man da auch eine gewisse „Klientel“ an.

    LG

    Jojo

    Julia
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 7623

    Liebe Bettina,

    du sprichst, wie ich finde, ein sehr wichtiges Thema, das übrigens wohl für jede Erkrankung Relevanz hat, an.
    ? ? ? Frau bedenke nur mal den „schwer an Schnupfen erkrankten Mann“, was für ein „Leiden“ kann da besprochen und erlebt werden! Sorry, liebe Männer, dieses Klischee musste ich jetzt mal bedienen ? .

    Und, diesen Hype um die Schmerzbewältigung, oder sogar -beseitigung durch Beschäftigung mit sich selbst und seiner Erkrankung, dieses den Schmerzannehmen bis zu großer Liebe desselben und dann den damit verbundenen Vorwürfen an alle, die es nicht so lehrbuchmäßig hinkriegen, finde ich gruselig und verwerflich. Aber auch damit kann viel Geld gemacht werden.

    Aber: so einfach das eigene Erleben der Erkrankung ändern und sich alltagskompatibler zu verhalten, scheint mir für sehr viele Menschen deutlich schwerer, als du es hier anzusprechen versuchst.
    Nicht Jedem ist die gleiche Menge an Resilenz gegeben. Da spricht unsere uns angeborene und anerzogenene eigene Natur doch ein erhebliches Wort mit. Auch die Umstände, in denen wir leben, prägen uns über die Jahre ganz erheblich.

    Ich bin da mit meiner Migränebiographie auch eher so gestrickt wie du und habe lange Zeit gedacht, dass andere Migräniker sich doch „einfach“ anders verhalten sollten.

    Meine Migräne, die ich schon in meinem 3. Lebensjahr als starken Kopfschmerz immer wieder geäußert haben soll, hat mich sehr geprägt. Ich kenne kein anderes Leben und habe wohl so auch früh gelernt, das Ganze als gegeben hinzunehmen. Die alltägliche Belastung ist sicher nicht geringer als bei allen anderen Migränikern mit einem ähnlich heftigen Verlauf, aber mir mitgegebene Stärken haben wohl verhindert, dass ich Angst vor dem nächsten Anfall bekomme, oder dass es mich psychisch allzusehr runterzieht. Das ist in meinen Augen vorallem Glückssache.

    Wer jetzt aber ganz anders gestrickt ist, seine Erkrankung in der Pubertät oder auch noch später bekam, steht sicher vor anderen Problemen mit der Bewältigung, hat oft das Gefühl, mehr dagegen tun zu müssen, sich nicht “ richtig“ zu verhalten usw. usw…. Da fehlt oft dann auch noch die angeborene Menge an Resilenz, die sehr unterschiedlich gegeben ist und eine große Rolle spielt.
    Das wirkt sich dann auch auf die “ nett oder auch nicht so nett gemeinten Reaktionen “ der Mitmenschen aus. Mir ist z.B. nie „Schlimmeres“ als der Hinweis eines sehr netten Arbeitgebers passiert, ich solle doch mal eine Cola trinken ? . Ob ich andere Sprüche oder Gesten nicht bemerkt habe? Kann sein…

    Mein Blick auf die psychischen und angstbezogenen Probleme anderer Menschen hat sich hier, besonders durch Beiträge von Johanna und Alchemilla, deutlich geändert.
    Ich habe hier gelernt, dass man sich wohl nicht einfach mal so eben anders verhalten kann und alles wird besser. Zu einer angestrebten Änderung gehört sicher ersteinmal überhaupt die Einsicht, dass es anders besser laufen könnte. Dann sollte man sich sicher Hilfe holen, ob hier oder weitergehend bei Psychologen. Man muss die Notwendigkeit erkennen, dass es Sinn macht, an sich zu „arbeiten“. Ein schreckliches Wort dafür, aber es kann schon in Arbeit ausarten, wie ich mir inzwischen gut vorstellen kann.

    Ich möchte mit meinem Beitrag nur anregen, dass auch gleichermaßen stark alle Möglichkeiten, einen anderen Umgang mit der Erkrankung anzugehen, hier erörtert werden sollten, auch die durchaus schwereren. Es wäre schade, wenn sich Menschen mit vielen Schwierigkeiten zurückhalten und ihre Sichtweisen nicht äußern würden.

    Einen sehr interessanten Beitrag (2014) zur Resilenz findet man in der Mediathek von 3Sat unter: Scobel, „Was die Seele stark macht“. Da gibt es viel zu lernen und verstehen. Für die Schwachen, aber auch für die Starken!

    Liebe Grüße an alle,
    Julia

    • Diese Antwort wurde geändert vor 2 years, 2 months von Julia.
    Jojo
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 331

    Liebe Julia,

    Ich habe, im Rahmen der Lehrerfortbildung, an einem Kurs über Resilienz teilgenommen. Das war sehr interessant.

    Zum Teil kann ich deine Überlegungen sehr gut nachvollziehen. Ich war nämlich eine ganze Zeit lang wohl auch sehr streng weniger resilienten Personen gegenüber. Ich konnte nicht verstehen, wie man in einer unangenehmen Situation jammernd feststecken bleibt. Mittlerweile, und bestimmt haben Alter und Lebenserfahrung auch ihren Teil dazu beigetragen, bin ich etwas nachsichtiger und habe verstanden, dass wir nicht alle gleich gestrickt sind.

    Resilienz wird einem allerdings nicht angeboren. Es sind mehrere Faktoren, die dazu beitragen, dass man resilient(er) wird.

    Du schreibst, dass es einfacher ist, mit Schmerz umzugehen, je früher man dran gewöhnt ist. Bei mir sind es zwar erst rund 40 Jahre, aber auch von klein auf, und ich muss mir das nochmal durch den Kopf gehen lassen ?

    Danke für den Tipp mit der Scobel-Sendung. Die werde ich mir bei Gelegenheit auf jeden Fall ansehen.

    Liebe Grüße

    Jojo

    alchemilla
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 3997

    Ich habe das nicht verstanden.
    Geht es darum, dass sich die so angesprochenen Migräne- (oder Schmerzpatienten allgemein) zu sehr in den Mittelpunkt stellen und anklagend von den Mitmenschen mehr Eingehen auf ihre Krankheit verlangen? Und zu sehr in Selbstmitleid zergehen? Und in Opferdenken?

    Was hat das dann mit Selbstfindungskursen und MBSR und so zu tun?

    Ich verstehe das wirklich nicht, wie das zusammenhängt.

    ICH z.B. mache Selbstfindung und MBSR und die Bücherleserei und so weiter, weil ich den Wunsch habe, mehr Frieden in mir und dann auch mit meinen Mitmenschen zu haben. All dieses Kämpfen und dieses Rechthabenwollen zu überwinden.

    Damit, dass ich außerdem Migränepatientin bin, hat das überhaupt gar nichts zu tun.

    Und wenn ich mich selbst besser kennen lerne, wenn ich herausfinde, welchen Denk- und Verhaltensmustern ich so fröne, wenn ich weniger automatisch und wie ferngesteuert reagiere und mehr absichtlich agiere,
    dann habe ich damit keinen einzigen Tag weniger Migräne oder mildere Verläufe.

    Was ich über „Schmerz liebevoll annehmen“ denke, habe ich an anderer Stelle geschrieben.
    Wenn ich sowas lese, dann denke ich immer sofort: „Dir wünsche ich EINMAL eine richtig knallige Migräneattacke von drei Tagen ohne Medikament und dann reden wir weiter!“

    Lora
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 524

    Hallo in die Runde,

    Ich habe erlebt, dass solche Sprüche wie „das schmerz liebevoll annehmen“, „solche Medikamente würde ich niemals nehmen“ etc. nur die gesunde sagen. Die wissen nicht was Schmerz ist.

    Für mich ist Schmerz ein Störfaktor, den ich beseitigen will und immer wieder das auch versuche. Warum soll ich das liebevoll annehmen? Am besten würde ich ihm in hintern treten.

    Mir ist auch egal was mein Schmerz mir sagen will. Am besten sollte es die Klappe halten.

    Und ich suche die Möglichkeiten es loszuwerden. Dabei kann im Grunde jeder was interessantes für sich finden: diverse Übungen, Techniken, Therapien….

    Was lesen und schreiben angeht: ich z.b. finde Psychologie, Psychotherapie sehr interessant. Und dann fängt man zu lesen, im Internet zu stöbern, sich auszutauschen. Ich verpasse keine Ausgabe von „Gehirn und Geist“ ?

    Auch lese ich mit Genuss „Psychosoziale Gesundheit“… ? Ist mir lieber als Bunte oder Bild der Frau.

    Da geht bei mir auch der Bezug zur Migräne und Depression verloren. Ich lese auch über Neurosen, Psychosen, Schizophrenie, Messi etc. Pp. Alles ist so spannend.
    Ist schon ein Hobby an sich.

    LG
    Lora

    biko
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 189

    Hallo ihr!

    Hiermit gestehe ich ,dass ich mich angesprochen fühle mit dem Begriff“Ein zuviel um den Schmerz herumkreisen“
    Tatsächlich fühle ich mich manchmal als „Nabel der Welt“!
    Aber nicht weil ICH mich zu wichtig nehme ,sondern weil gefühlt alle ohne die Geißel“Migräne“ um mich herumkreiseln dürfen.
    Nach außen hin ,ist das anders. Da reagiere ich eher cool und stark auf die Frage“Ist denn ihre Migräne noch nicht besser? Sie Arme!“
    Meine Standard Anwort daraufhin:
    An der Migräne sterbe ich wenigstens nicht!
    Die Frage , ob ich die Schmerzen liebevoll (oder wie auch immer) annehmen soll ; stellt sich mir gar nicht. Meine Frage ist eher:wann kann ich meine Krankeit annehmen?
    Akzeptieren das sie einfach „da“ ist? Und ein gutes Umgehen damit zu haben. Es ist doch eher der Kampf, der so kraftraubend ist. Und der mich weiter „kreiseln“ lässt. Vielleicht muss frau/man erstmal alles ausprobieren ,um dann irgendwann zu merken ,dass das ganze Beschäftigen damit ,absolut keinen Effekt hat.

    Nee ,stimmt nicht! Es hat doch einen großen Effekt.: Ich habe viel über meine Erkrankung gelernt, viele Gleichgesinnte getroffen und bemerkt ,dass ich doch nicht die Einzige bin ,der es so (schlecht) geht.
    😉

    Nicht desto trotz hat mir die Diskussion mal wieder gezeigt ,dass ich deutlich mehr bin als Migräne. Das ich ein großartiges Leben habe.
    ……und ich mich jetzt wieder damit beschäftigen werde….

    Liebevolle Grüße von Biko