Ernährung bei Migräne und Kohlenhydrate im Speziellen

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  • Claudia
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    Hallo Zusammen!

    Ich habe mal eine Frage zur Ernährung und Migräne.
    Ich habe in den letzten Monaten einige Killos zugelegt, die ich gerne wieder loswerden möchte. Erfahrungsgemäss geht das bei mir am Besten, wenn ich meinen Kohlenhydratkonsum (ich liebe Brot!!!) stark reduziere. Nun habe ich aber auch mitbekommen, dass Kohlenhydrate für Migräniker wichtig sind.

    Auf der anderen Seite schwört eine Bekannte darauf, dass KH bei ihr Migräne auslösen würden. Was denn nun? Und wie kann ich abnehmen, wenn ich keine Diät machen soll, viele KH zu mir nehmen soll (entsprechende Lebensmittel haben ja meist eine gewaltige Energiedichte) und zu viel Sport eben auch nicht drin liegt???

    Und als letzte Frage: Ich mag/kann morgens nichts essen. Ich habe keinen Appetit und weder ein Hunger- noch Sättigungsgefühl, mir wird eher übel, wenn ich was essen muss. Erst etwa 2-3h nach dem Aufstehen mag ich was essen und habe dann auch Hunger. Wie bekomme ich das mit dem Gebot, ein ausgiebiges, möglichst kohlenhydratreiches Frühstück zu mir zu nehmen, zusammen? Ist es 2h nach dem Aufstehen eigentlich schon „zu spät“ für mein migräneanfälliges Gehirn??

    Habt ihr irgendwelche Infos/Tipps für mich?
    Grüssli aus der Schweiz, Claudia

    heika
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 5726

    Liebe Claudia,

    das mit dem mangelnden Appetit morgens kenne ich nur zu gut. Ich habe früher nie gefrühstückt, inzwischen habe ich es mir angewöhnt. Am meisten geholfen hat mir dabei, am Abend vorher weniger zu essen. Mir war es gar nicht so bewusst gewesen, aber ich liebe es, abends mit meiner Familie gemütlich zusammen zu sitzen und ausführlich zu Abend zu essen. Und hinterher oft noch was Süßes… Da konnte ich am nächsten Morgen noch gar keinen Hunger haben. Wir sitzen zwar jetzt immer noch abends gemütlich zusammen ;-), aber ich esse weniger, und nun habe ich morgens sogar so etwas wie Hunger! 😉

    Kohlenhydrate zu reduzieren heißt ja nicht, auf sie zu verzichten. Und was wäre ein Leben ohne Brot?? 😉 Du solltest aber eher Kohlenhydrate aus Vollkornprodukten bevorzugen, die lassen den Blutzuckerspiegel langsamer ansteigen und machen länger satt.
    In der Regel sind es die starken Schwankungen des Blutzuckerspiegels, die dem Kopf nicht gut tun. Falls deine Bekannte viele Süßigkeiten, Kuchen, Softdrinks, etc. zu sich nimmt, könnte ich mir das mit dem Migräneauslöser durchaus vorstellen – aber nicht bei einem Vollkornbrot mit Käse.

    Die Energiedichte ist bei Kohlenhydraten genauso hoch wie bei Eiweiß, nämlich 4 Kalorien pro Gramm, bei Fett dagegen sind es 9 Kalorien. Zuallererst würde ich also bei den Fettfallen wie Leberwurst, Pommes, Sahne, etc. sparen. Alkohol mit 7 Kal/Gramm ist auch nicht zu übersehen.

    Von Diäten würde ich dir generell abraten; ein gesundes, ausgewogenes Essen tut dem Kopf gut UND der Figur. Ich habe das selber übrigens erst vor kurzem ca. 10 Wochen lang durchgezogen und dabei langsam, aber stetig abgenommen. Ich habe in dieser Zeit ganz normale Portionen gegessen, nicht gehungert, aber ALLES Süße komplett weggelassen (das ist meine „Schwachstelle“) und eben bevorzugt Vollkornprodukte statt Weißmehlprodukte gegessen, dazu viel Gemüse und Obst. Ich weiß nicht, wo deine „Schwachstelle“ liegt, das ist ja bei jedem anders, aber wenn man DA ansetzt, ist das bestimmt schon mal die halbe Miete.

    Ein lieber Gruß ins Nachbarland,
    Heika

    Bettina Frank – Admin
    Keymaster
    Beitragsanzahl: 28353

    Von Alkohol bis Zitrusfrüchte

    Nahrungsmittel werden nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch von Ärzten sehr häufig als potente Auslöser von Migräneattacken angesehen. Bei der Beurteilung, inwieweit Nahrungsmittel tatsächlich Triggerfaktoren darstellen, müssen wir aber sehr, sehr vorsichtig sein. Ich möchte hier keinesfalls den Eindruck erwecken, die Meinungen der Patienten nicht ernst zu nehmen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich möchte Sie nur dafür sensibilisieren, dass sich hier leicht Vorurteile einschleichen, die dann obendrein sehr breit gestreut wieder auftauchen. Es ist nur verständlich, dass man bei einer so behindernden Erkrankung wie der Migräne jede einfache Erklärung gern glauben möchte. Doch leider ist die Migräne nicht so einfach. Versuchen Sie deshalb bitte – und das gilt im Grunde für alle Aspekte und Auslöser der Migräne – so objektiv wie möglich zu bleiben, wenn Ihnen jemand das Ei des Kolumbus erklären möchte.

    Das Glas Sekt am Nachmittag

    Besonders häufig werden folgende Nahrungsmittel als Migräne-Triggerfaktoren angegeben:

    Alkohol
    Molkereiprodukte
    Zitrusfrüchte
    Schokolade
    frittierte Nahrungsmittel
    Gemüse
    Tee
    Kaffee
    Getreideprodukte
    Meeresfrüchte

    Etwa 20 Prozent aller Migränepatienten berichten, dass bei ihnen nahrungsbedingte Triggerfaktoren eine Rolle spielen, besonders häufig Alkohol. In der Regel gilt dies dann für alle alkoholischen Getränke. Einige wenige meinen, es seien nur bestimmte alkoholische Getränke, insbesondere Rotwein und Sekt.

    Interessant daran ist, dass dabei oft nicht allein das alkoholische Getränk eine Rolle spielt, sondern auch und vor allem die Tageszeit, zu der es konsumiert wird. So gibt es Menschen, bei denen zum Beispiel Sekt nach 20 Uhr folgenlos bleibt, am frühen Nachmittag bei der Verabschiedung eines Arbeitskollegen hingegen mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit eine Migräneattacke auslöst.

    Studien widersprechen sich oft

    Bislang sind die biochemischen Bestandteile der Nahrungsmittel, welche für die Auslösung von Migräneattacken verantwortlich gemacht werden müssen, weitgehend unbekannt. So reagieren denn auch die meisten Patienten nicht nur auf ein einziges, sondern auf eine ganze Reihe verschiedener Nahrungsmittel. Danach könnte sowohl ein einzelner Stoff oder auch ein Gemisch verschiedener Stoffe in den Nahrungsmitteln zur Auslösung der Migräneattacken führen.

    Ein solcher Stoff konnte möglicherweise bereits dingfest gemacht werden: Tyramin. Es handelt sich dabei um eine Aminosäure, die im Körper von Mensch, Tier und Pflanze einen Grundbaustein für höhere Eiweiße bildet. Tyramin ist blutdrucksteigernd und kommt in größeren Mengen zum Beispiel in Hering, Trauben, Tomaten, Kohl, Rotwein, gealtertem Käse, Zitrusfrüchten, Nüssen, Hefeprodukten, Feigen, Sojabohnen, Rosinen und geräucherten Fleischwaren vor. Dieses Tyramin nun ist laut mancher Studien in der Lage, mit größerer Wahrscheinlichkeit Migräneattacken hervorzurufen als ein Placebo (wirkstofffreies Scheinpräparat). Doch es gibt viele Nahrungsmittel, die als potente Triggerfaktoren angesehen werden, aber nur sehr wenig Tyramin beinhalten. Dazu gehört zum Beispiel die Schokolade. Zudem haben andere Untersuchungen Tyramin als Auslöser von Migräneattacken nicht bestätigen können. Leider gibt die Forschung zu diesem Thema derzeit nicht mehr her.

    Definitive Aussagen bisher unmöglich

    Zur Zeit ist es nicht mit Sicherheit möglich, die Auslösung von Migräneattacken mit einem bestimmten Stoff in Verbindung zu bringen. Möglicherweise verhält es sich hier aber ähnlich wie bei der Auslösung von Migräneattacken durch Alkohol: Nicht das Nahrungsmittel allein, sondern Zeitpunkt und Art der Nahrungsmitteleinnahme müssen für die Auslösung von Migräneattacken verantwortlich gemacht werden.

    Für die letztgenannte Annahme spricht, dass es nach dem Abklingen einer Migräneattacke bei vielen Patienten eine Zeit von mehreren Tagen gibt, in der Nahrungsmittel vertragen werden, die normalerweise eine Migräneattacke auslösen. Dies trifft beispielsweise zu auf Käse oder Schokolade. Daraus könnte folgen, dass im Organismus möglicherweise ein Vermittler für die Auslösung der Migräneattacke gespeichert wird, der mit dem Beginn der Migräneattacke freigesetzt wird. Danach könnten die entsprechenden Speicher dann erschöpft sein, um erst innerhalb einer gewissen Zeitspane wieder aufgefüllt zu werden. Während dieser Aufbauphase des Speichers können anscheinend Nahrungsmittel eingenommen werden oder andere Triggerfaktoren einwirken, ohne dass eine Migräneattacke ausgelöst wird. Bis heute jedoch gibt es zu wenig kontrollierte Studien und zu wenige klare Daten zu diesem Problem, um eine definitive Aussage machen zu können.

    Die üblichen weiteren Verdächtigen

    Weitere Einzelfaktoren in Nahrungsmitteln, die als Triggerfaktoren verdächtigt werden, sind Konservierungsmittel wie Pökelsalz, Tartrazin sowie Benzoesäure. Für das China-Restaurant-Syndrom wurde der Gewürzverstärker Glutamat verantwortlich gemacht. Allerdings wurde dazu mittlerweile eine kontrollierte Studie im Doppelblinddesign durchgeführt, die den bisher von Kopfschmerzforschern akzeptierten Auslöser Glutamat für das China-Restaurant-Syndrom nicht bestätigen konnte. Auch diese Tatsache zeigt noch einmal eingehend, wie vorsichtig man bei der Interpretation von Einzelfaktoren sein muss.

    Ein weiterer Einzelfaktor, der für Migräneattacken verantwortlich gemacht wurde, ist Aspartam, ein künstlicher Süßstoff, der insbesondere in sogenannten “Light”-Getränken enthalten ist. Sorgfältige Analysen zeigten jedoch auch hier, dass bei vielen Menschen, die eine entsprechende Empfindlichkeit angaben, unter kontrollierten Bedingungen diese Empfindlichkeit nicht nachgewiesen werden konnte. Auch hier ist wieder zu beachten, dass in der Regel die Einnahme von Light-Getränken mit sonstigen diätetischen Veränderungen einhergeht und möglicherweise gar nicht das Getränk, sondern vielmehr das gesamte Nahrungseinnahme-Verhalten für die Auslösung von Migräneattacken verantwortlich zu machen ist – einschließlich der Zeit der Nahrungsmittelzufuhr, dem Auslassen von Mahlzeiten sowie der Zusammensetzung der Gesamternährung.

    Kaffee: Ein kleiner Lichtblick

    Nach den vielen “könnte”, “möglicherweise” und “eventuell” gibt es einen Befund, der mittlerweile recht gut mit Studien untermauert ist: den Zusammenhang zwischen Koffein und Migräneattacken. So zeigte sich in einer doppelblinden, randomisierten Cross-over-Studie (Erklärung siehe Text an der Seite/im Kasten), dass bei Probanden, die normalerweise bis zu sechs Tassen Kaffee am Tag trinken, die Einnahme von dekoffeiniertem Kaffee tatsächlich mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Migräneattacken einhergeht. Die Kopfschmerzen beginnen in der Regel am ersten Tag nach dem Auslassen des Koffeins und haben eine mittlere Dauer von zwei bis drei Tagen.

    Doppelblinde, randomisierte Cross-over-Studien – was ist das eigentlich? Doppelblind bedeutet, dass weder der Untersucher, also derjenige, der zum Beispiel das Präparat verabreicht, noch die Testperson wissen, ob es sich um ein echtes Präparat oder ein wirkstofffreies Scheinpräparat (Placebo) handelt. So soll ausgeschlossen werden, dass der Untersucher die Testperson unbewusst beeinflusst. Randomisiert bedeutet, dass die Zuordnung zur jeweiligen Behandlung durch eine zufällige Auswahl der Testpersonen getroffen wird. Und der Begriff “Cross-over” meint, dass die Testpersonen nicht nur entweder Präparat A oder B erhalten, sondern in einem gewissen zeitlichen Abstand, beide Präparate nacheinander. Derartige Studien genießen unter Forschern einen hohen Stellenwert, schließen sie doch zahlreiche mögliche Fehlerquellen aus.
    Migräne-Wissen, Schmerzklinik Kiel

    Monti
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 22

    Hallo zusammen,
    hat jemand von Euch schon positive Erfahrungen mit der Umstellung der Ernährung gemacht? Kein Glutamat, Farb-und Konservierungsstoffe, alles frisch zubereiten usw. ist ja nichts Neues, aber es gibt ja auch die Theorie von Mersch, die Kohlenhydrate soweit zu reduzieren und dafür soviel Fett zu sich zu nehmen, bis man in Ketose ist und der Körper somit auf den stabileren Fettstoffwechsel umstellt. Das geht nun sehr gegen die landläufige Meinung, dass Fett was schlechtes ist. Nicht alle 2 Stunden futtern zu müssen und somit nicht ständig den Insulinspiegel rauf und runter zu treiben klingt ja nicht schlecht, aber in Ketose sein, ist das wirklich gesund???
    LG Monti

    Doro
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 1605

    hallo monti,
    im rahmen meiner prophylaxe habe ich auch meine ernährung dahingehend umgestellt, dass ich auf AUSREICHENDE kohlehydratzufuhr achte. das gegenteil davon habe ich vorher gelebt. da ich schon immer frisch koche, keine glutamate verwende, keine nahrungsmittel mit farb- und konservierungsstoffe zu mir nehme, führe ich den positiven erfolg in der ernährung auf die kohlehydrate zurück. ich würde nicht mehr darauf verzichten wollen.
    lg
    doro

    Bettina Frank – Admin
    Keymaster
    Beitragsanzahl: 28353

    Hallo Monti,

    die These, den Körper durch Verzicht auf Kohenhydrate in den Zustand der Ketose zu versetzen und dadurch das Gehirn zu zwingen, die Energie aus dem Fettstoffwechsel zu erlangen, hält sich hartnäckig. Dies soll sich angeblich positiv auf die Migräne auswirken.

    „Seriöse“ Erfolgsberichte blieben bis jetzt aus, daher halten sich gut informierte Betroffene an die bewährten und in Studien überprüften Empfehlungen, dass Kohlenhydrate sogar enorm wichtig für das Gehirn eines Migränikers sind. Wie sehr so eine natürliche Prophylaxe helfen kann, sieht man nicht nur an Doros Erfolg. 😉

    Dies alles mal ganz abgesehen davon, was die Organe dazu „sagen“, solche Massen an Fett bewältigen zu müssen.

    Liebe Grüße
    Bettina