Albert – Schwere Entscheidung nach Kleinhirninfarkt

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  • _Albert_
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    Beitragsanzahl: 10

    Ich (54J.) habe eine Migräne ohne Aura

    Nach einem Kleinhirninfarkt stehe ich vor der großen Frage:
    Soll ich das Risiko eingehen und weiter Triptane bei Migäneanfällen wie bisher einsetzen? Sie haben mir in den letzten Jahren ein „Leben“ ermöglicht.

    Hab die letzten Tage das Forum nach diesem Thema durchsucht.

    Zitatauszuge, natürlich aus dem Zusammenhang gerissen. Aber so innerlich zerrissen bin ich im Moment auch.

    ..Migräne kann das Risiko u.a. für Schlaganfall und Herzinfarkt erhöhen. Daher sollte sie gut behandelt werden…

    …Aufpassen müssen Menschen mit bereits vorangegangenem Schlaganfall oder Herzinfarkt. Sie sollten Schmerzmedikamente erhalten, um sich nicht weiter in Gefahr zu bringen…

    …Triptane dürfen nicht eingenommen werden nach migränösem Infarkt, Schlaganfall oder Herzinfarkt. In Ausnahmefällen und wenn interdisziplinär entschieden wird, dass sanfte Triptane eingesetzt werden können, kann die Einnahme trotzdem möglich sein. Das sind aber Ausnahmen, die gut mit den Ärzten und dem Patienten diskutiert werden müssen. Grundsätzlich gilt die Regel, dass Triptane nach dieser Vorgeschichte nicht eingenommen werden dürfen….

    … Triptane sind nach wie vor unverzichtbar für Migräniker und Clusterpatienten und konkurrenzlos gut…

    –Meine Geschichte–
    September 2014
    Diagnose:
    Kleinhirnischämie links im Versorgungsgebiet der Pica, a.e. bei paradoxer Embolie bei persistierendem Foramen ovale

    Ich und meine gesamte Umgebung(Familie, Freunde, Hausarzt…), sind überrascht über dieses Ereignis in meinem Lebenslauf. Beweise für die vermutete Ursache gibt es nicht. Bin Nichtraucher, hab kein Übergewicht, kaum Alkohol, mache sehr gern Ausdauersport
    :-)ich gehörte zu den wenigen Fußgängern die ein StrokeUnit verlassen und hab glücklicherweise kaum Einschränkungen und werde Anfang November wieder arbeiten (Wiedereinstiegsprogrammt)

    November 2013 – September 2014
    6,3 (Mittel) Triptane / Monat, Bandbreite 1 bis 10 / Monat
    Im Januar 2014 eine weiteren Prophylaxeversuch wegen Unwirksamkeit abgebrochen

    Oktober 2013 Aufenthalt in Kiel wegen Triptanübergebrauch.

    2006
    Aufenthalt in Königstein

    Seit 2000 nehme ich als Akutmittel Triptane
    5,5 bis 14 Triptane (Jahresmonatsmittel zwischen 2007 und 2013)

    Seit 1995 mache ich Ausdauertraining, überwiegend Laufen.
    Seit dem Ausdauertraining kaum mehr Spannungskopfschmerzen und weniger Migäne.

    Seit 1976 Kopfschmerzen und Migräne

    heika
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 5719

    Lieber Albert,

    ich kann deine Zerrissenheit gut verstehen. Es ist eine ganz schwierige Entscheidung, wie in deinem Fall weiter verfahren werden soll. Und nur du alleine kannst sie treffen und die Verantwortung übernehmen.

    Die Pharmafirmen müssen sich natürlich doppelt und dreifach absichern. Und bei Ärzten ist es nicht viel anders. Wenn ein Arzt dir nach einem Schlaganfall die Einnahme eines Triptans erlaubt, obwohl diese auf dem Beipackzettel ausdrücklich verboten wurde, und du bekommst dann wieder einen Schlaganfall, ist das für den Arzt haftungsrechtlich sehr schwierig.

    Die Grundfrage ist, weshalb man nach einem Schlaganfall und bei älteren Menschen die Einnahme von Triptanen ausschließt. Das hängt vom Zustand der Blutgefäße ab. Bei älteren Menschen geht man von gewissen Vorschädigungen bzw. Gefäßablagerungen aus, die zu einem Schlaganfall führen können. Kommt es dann zu einem solchen und hat man ein Triptan eingenommen, kann das die negativen Auswirkungen eines Schlaganfalls verstärken. So hat man mir das zumindest einmal erklärt.

    Da es bis jetzt nicht hundertprozentig geklärt ist, inwieweit die Triptane die Gefäße verengen oder auch nicht, dient das Verbot einfach zur Absicherung.

    In deinem Fall könnte das PFO die Ursache deines Schlaganfalls sein und nicht irgendwelche Gefäßprobleme.
    Bekommst du nun Blutverdünner? Wurde die Möglichkeit eines PFO-Verschlusses angesprochen?

    Im Einzelfall kann man trotz eines vorausgegangenen Schlaganfalls die Einnahme eines sanften Triptans erwägen, wenn gesunde Gefäße vorliegen.
    Prof. Göbel schreibt in seinem Buch „Erfolgreich gegen Kopfschmerzen und Migräne“, dass bei Frovatriptan („Allegro“) selbst bei einer 40-fachen Überdosierung keine Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System nachzuweisen waren. Vielleicht wäre dieses Triptan eine Option für dich.

    Ich musste selber mal einige Monate ganz ohne Triptane auskommen, und andere Schmerzmittel halfen nicht. Ich weiß, welcher Verlust an Lebensqualität mit so einer Situation einhergeht.

    Ich schreibe dir noch eine PN.

    Lieber Gruß
    Heika

    sternchen
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 4640

    Danke Heika, auch von mir, Du hast es hier so wunderbar erklärt. Auch für uns, die nicht direkt betroffen sind, sind solche Erklärungen sehr interessant.

    Lieber Albert.

    Ich denke jeder hier, der mehrfach im Monat Triptane einsetzen muss, um mit dem Schmerz klar zu kommen, kann Dich und Deine Sorgen sehr gut nachvollziehen. .

    Da Dein letzter Aufenthalt in Kiel erst im Oktober 2013 gewesen ist, würde ich mich auf jeden Fall dort ambulant vorstellen, um Deine Fragen abzuklären, und um Dir Deine Entscheidung zu erleichtern. In Kiel wird man alle nötigen Untersuchungen einleiten, und Dir unbegründete Ängste nehmen. Man wird Dir die Risiken aufzeigen, die zur Entscheidungsfindung ganz wichtig sind. Letztendlich kommt es auf Dich an. Du wirst die Verantwortung übernehmen müssen. Aber mit einem entsprechend kompetenten Backround fällt es sicher viel leichter.

    Alles erdenklich Gute für Dich,
    wünscht
    Sternchen

    glückdererde
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 515

    Lieber Albert,

    auch ich finde die Frage schwierig zu beantworten. Ich kann Dir aber sagen wie ich in einer verwandten Situation damit umgehe.

    Triptane wirken auch bei mir meistens wunderbar gegen die Kopfschmerzen. Nun hatte ich vor über vier Jahren einen Gefäßriss im Kopf/Hals. Also nicht das gleiche wie Du aber halt schon auch verwandt. Man hatte mir an meinem Heimatort in der neurologischen Klinik gesagt, ich können weiter zum Beispiel Allegro nehmen.

    Bei meinen Aufenthalten in der Schmerzklinik in Kiel hat mir dann aber sowohl Prof. Göbel als auch Dr. Heinze als auch Dr. Petersen gesagt, dass die Gefahr eines Schlaganfalles eindeutig steigt, wenn ich Triptane nehme. Ich solle dies, was auch immer andere Ärzte mir sagen würden, nicht tun!

    Der Kopfschmerz stellt eine Gefahr dar dauerhaft mein Leben schwer zu beschädigen.

    Aber ich kann laufen, sprechen, schlucken, Motorrad fahren, denken usw. Nach einem Schlaganfall ist das alles überhaupt nicht mehr klar.

    Ich bin zusätzlich auch noch etwas ängstlich veranlagt, was solche Entscheidungen angeht. Nach einem Triptan hätte ich vielleicht keine Kopfschmerzen mehr, aber Angst einen Schlaganfall zu bekommen.

    Ich vertraue der Auskunft, die ich in Kiel diesbezüglich bekommen habe vollständig. Bis die Forschungslage nicht eindeutig etwas anderes ergibt sind für mich Triptane tabu.

    Leider mt allen schmerzhaften Konsequenzen. Aber ich fühle mich mit dieser Entscheidung letzten Endes wesentlich besser.

    Nun mein Rat:

    Die Empfehlung keine Triptane zu nehmen gilt für mich. Ich vermute auch für Dich – aber die Konsequenzen sind ja tatsächlich weitreichend.

    Ich also würde an Deiner Stelle einen ambulanten Termin in Kiel machen (ich halte die Klinik einfach für die erste Adresse was Kopfschmerzen angeht) bei dem ich genau diese Frage bespreche.
    Und die 400 KM Entfernung und der Tag Arbeitsausfall (ich bin selbständig und verdiene dann kein Geld) würden mich nicht stören.

    Du kannst natürlich auch beim nächsten Chat mit Prof. Göbel hier Deine Frage auch an ihn richten, wirst dann aber natürlich nur eine allgemein gültige Antwort bekommen, die Deine ganz spezielle Situation nicht wirklich berücksichtigt.

    Liebe Grüße

    glückdererde

    Bettina Frank – Admin
    Keymaster
    Beitragsanzahl: 28315

    Lieber Albert,

    nun wurden Dir alle möglichen Sichtweisen dargelegt. Super schön, denn Du weißt somit, dass es genug Menschen mit diesen ambivalenten Gefühlen gibt.

    Dass Ärzte und Pharmafirmen sich absichern müssen, brauche ich nicht zu wiederholen. Sehr wichtig ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Kardiologe und Neurologe und Deine volle Einbeziehung in die Entscheidungsfindung.

    Glückdererde hat sehr offen berichtet, dass er in dieser Hinsicht eher ängstlich ist. Angst verengt Gefäße nachweislich, sodass in seinem Fall Triptane wirklich nicht eingesetzt werden sollten. In Kiel hat man sicher auch diesen psychologischen Hintergrund in die Überlegungen mit einbezogen.

    Geht jemand anders und „furchtloser“ mit so einer Situation um, kann durchaus die Gabe von Triptanen erwogen werden. Vor allem das sehr sanfte Allegro, das zudem eine sehr lange Halbwertszeit hat.

    Es ist eine ganz individuelle Frage, welche Situation den Leidensdruck mehr erhöht. Für mich wäre es wohl der Schmerz, der nur mit Triptanen in den Griff zu bekommen ist. Daher wäre es für mich keine Option, nach so einem Vorfall lebenslang auf die einzig wirkungsvollen Medikamente zu verzichten.

    Zudem gibt es wohl weltweit keinen einzigen Fall von Schlaganfall, Herzinfarkt usw., der eindeutig (!) dem Konsum von Triptanen zuzuschreiben ist. Die gefäßverengende Wirkung wird vermutet, aber sie konnte noch nie in aller Deutlichkeit nachgewiesen werden.

    Diese Frage im Chat zu stellen, macht leider keinen Sinn, wie Glückdererde schon betont. Prof. Göbel kann über den Chat keine individuelle Beratung anbieten und kann nur wiederholen, was allgemein dazu rät.

    Ich wünsche Dir alles alles Gute und hoffe, dass Du eine Entscheidung treffen kannst, mit der Du auf Dauer gut leben kannst! Eventuell erneut mit Prophylaxen arbeiten und auf diese Weise versuchen, die Anfallshäufigkeit so gut es geht zu senken.

    Liebe Grüße
    Bettina

    _Albert_
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 10

    Liebe Heika, Sternchen, glückdererde und Bettina,

    danke für eure ausführlichen Beiträge, sie sind für mich wichtige Bausteine in der Entscheidungsfindung.
    Für eine ambulante Sprechstunde ist mir Kiel zu weit (870km) weg. Jetzt stehen erstmal Untersuchungen beim Kardiologen vor Ort an.

    Eine weitere allgemeine Frage stellt sich mir heute:
    Erhöhen Triptane das Risiko nur im akuten Einsatz (vermute ich mal) oder wird durch die Summe der Triptane langfristig das Schlaganfallrisiko erhöht? Ist es einfach ein Nebenrisiko das wir mit der Einnahme auf uns nehmen.

    Liebe Grüße
    Albert

    heika
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 5719

    Lieber Albert,

    auch wenn unsere Moderatorin Bettina hier eigentlich der medizinische Profi ist, wage ich mich an die Beantwortung deiner Frage. Bettina kann mir ja dann notfalls heftig widersprechen. 😉

    Nach meiner Kenntnis liegen keine Daten für eine Erhöhung des Schlaganfallrisikos durch die langfristige Einnahme von Triptanen vor.

    Was viele nicht wissen, beim letzten Forentreffen in Kiel aber auch wieder angesprochen wurde, ist, dass schwere, unbehandelte Migräneattacken langfristig auch das Risiko erhöhen, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu bekommen. Schmerzen sind Stress pur für den Körper, das geht auf Dauer nicht spurlos an einem Menschen vorbei.
    Ich möchte betonen, dass damit die langfristige Situation gemeint ist. Denn manchmal ist es durchaus sinnvoll, wenn man z.B. einen MÜK verhindern möchte, eine Migräneattacke unbehandelt durchzustehen.

    In genauen Prozenten wird dir das jeweilige Risiko aber kein Arzt sagen können. Es spielen in der Regel ja immer viele Faktoren eine Rolle. Bei einem Schlaganfall oder Herzinfarkt hängt es auch vom Alter ab, wie oben schon erwähnt, vom Zustand der Gefäße, Übergewicht, Rauchen, Einnahme der Pille (was für dich ja nicht zutrifft 😉 ) usw.

    Die Frage ist auch, ob man wirklich immer einen direkten Zusammenhang zwischen der Einnahme von Medikamenten und einem Ereignis sehen muss. Es gibt viele Menschen, die Schlaganfälle oder Herzinfarkte „einfach so“ bekommen, ohne dass eine Ursache gefunden wird.
    Nehmen wir als Patienten aber irgendwelche Medikamente ein, werden wir nicht automatisch damit rechnen, dass wir ein Ereignis „einfach so“ bekommen haben, sondern würden wohl eher überlegen, welches Medikament wir wann zuletzt genommen haben und ob n