Dauerkopfschmerz (Kolle) – wie damit leben?

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  • Lora
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    Hallo in die Runde,

    Ich habe eine Ausgabe von Spektrum „Gehirn und Geist “ gekauft über Psychosomatik. Und da habe ich gelesen, dass es auch Somatopsychologie gibt. Nur es wird leider sehr wenig darüber geredet. Auch beim Dr. Volker Faust auf der Seite Psychosoziale Gesundheit wird darauf eingegangen, dass es eine Reihe körperlichen Krankheiten gibt, die Depressionen verursachen. Die wiederum Schmerzen begünstigen.

    Und Depressionen an sich können auch chronische, rezedivierende, larvierte, therapieresistente usw sein.

    Hauptsache nicht aufgeben und nach einer passenden Therapie zu suchen.

    LG
    Lora

    kolle
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 43

    Huhu Lora,

    ui, den Begriff Somatopsychologie kannte ich gar nicht, den musste ich erstmal Link von der Moderation entfernt Ist ja hochinteressant!

    Eigentlich ist es ja banal, dass die Psyche auf den Körper wirkt (Stichwort Psychosomatik) und der Körper umgekehrt wieder auf die Psyche (Somatopsychologie). Aber es ist ein Thema, dass auch wieder arg mit dem Begriff Schuld verknüpft ist. Ich habe zum Beispiel immer geglaubt, dass mein Kopfschmerz psychische Ursachen hat. Gleichzeitig ist er eine neurologische Erkrankung, bei der mir Medikamente oft geholfen haben, die Psychotherapie aber nicht. Oft wird das sofort als Vorwurf von mir an die Psychologen verstanden, oder mir wird vorgeworfen, dass ich etwas falsch gemacht haben müsste, wenn die Therapie nicht anschlägt. Es ist ein hoch emotionales Thema. Und man weiß noch so wenig über die genauen Mechanismen.

    Womit ich natürlich nicht sagen möchte, dass psychische oder psychosomatische Erkrankungen nicht ernst zu nehmen sind (Im Gegenteil, ich fühle mich selbst betroffen, mein Schmerz könnte genauso gut eine psychosomatische wie eine neurologische Diagnose bekommen, finde ich). Ich meine nur, dass es mit Schubladendenken nicht getan ist. Es gibt Patienten mit Depression bei denen Medikamente besser helfen als jede Psychotherapie. Und es gibt Patienten, bei denen ist es anders herum.

    Noch immer gelten psychische Erkrankungen grundsätzlich als heilbar. Wenn die Heilung nicht gelingt, ist entweder der Therapeut oder der Patient verantwortlich. Und während ich die Einstellung mag, nie aufzugeben und alles Mögliche zu versuchen, geht es hier um die Tonlage und um Empathie und manchmal auch das Aushalten der Tatsache, dass es vielleicht im Moment nicht möglich ist, ein Problem zu Zufriedenheit aller zu beheben.

    Ich habe bei Frau Frede dazu einige Zitate gefunden (psychologische Schmerztherapie, Leben mit dem Schmerz):

    „Sowohl die Betroffenen als auch ihre Angehörigen haben oft zu hohe
    Erwartungen an die Therapie chronischer Schmerzen. Enttäuschungen sind
    die Folge – Enttäuschungen über sich selbst (,weil man nicht dem Idealbild
    des “erfolgreichen” Patienten entspricht), Enttäuschungen über die
    Therapeuten und die Behandlungen. Auch für die Therapeuten können die
    Erwartungen der Patienten problematisch werden: Sie können sich unter
    Druck gesetzt fühlen, sich “anstecken” lassen von der Unzufriedenheit des
    Patienten mit dem Erreichten; sie müssen wiederholt die Erwartungen des
    Patienten reflektieren, mit diesem besprechen, was in seinem konkreten Fall
    realistischerweise zu erwarten ist und was nicht. Dazu gehört zum Beispiel,
    daß chronische Schmerzen sehr oft gar nicht zu beheben, lediglich zu lindern
    sind – trotz wiederholter Meldungen in der Presse: “Schmerzen? Heute muß
    niemand mehr darunter leiden!” “

    Und:

    „Psychosomatisch orientierten Schmerzbewältigungsprogrammen liegt
    folgender Denkansatz zugrunde: “Warum habe ich die Schmerzen? (Warum
    tue ich mir weh?) Was soll signalisiert werden? Wovor schützen mich die
    Schmerzen? Was erleichtern sie mir? Was ersetzen sie? Welche Funktion
    haben sie in meinem Leben?” (Petzold, in: Wahl/Hautzinger 1994, S. 212).
    Es wird zwar betont, daß die Schmerzen nicht als Strafe anzusehen sind,
    vielmehr als Anstoß zur Umkehr, doch wird damit impliziert, daß die vorherige
    Lebensführung “falsch” war (“Sonst wären Sie ja nicht hier!” – ein
    Schmerztherapeut zu einer Patientin), daß die Schmerzen überflüssig sind,
    wenn ihre Botschaft verstanden und im alltäglichen Verhalten berücksichtigt
    wird. Auch die Frage: “Gibt es für bestimmte Probleme geeignetere
    Lösungsmöglichkeiten als den Schmerz?” unterstellt, daß der Schmerz einen
    Konfliktlösungsversuch des Patienten darstellt, also eine Art inadäquate
    Lebensbewältigung. So zutreffend und wichtig dieser Ansatz für einige
    Patienten ist, so kann nicht bei jedem Schmerzpatienten davon ausgegangen
    werden, daß seine Schmerzen bedingt sind bzw. aufrechterhalten werden
    durch eine falsche Lebensweise oder – überspitzt gesagt – daß sein Körper
    ein Sammelbecken psychologischer Probleme ist und der Schmerz der offene
    Ausdruck dafür. Letztlich steht ein mechanistisches Weltbild, ein fast
    magisches Denken hinter der Überzeugung: Wenn du dies denkst, fühlst oder
    tust, dann passiert das.
    “Beruhigend ist eine solche Denkweise schon: fast eine Regression in die
    Kindheit, als wir glaubten, alles drehe sich nur um uns, die Welt versinke,
    wenn wir die Augen schlössen und uns werde etwas Schönes widerfahren,
    wenn wir beim Himmel-und-Hölle-Spiel nicht auf die Ritzen zwischen den
    Pflastersteinen hüpften” (Spaink 1994, S. 54). “

    Und:

    „Auseinandersetzung mit dysfunktionalen und funktionalen Gedanken in
    Schmerzsituationen kann auch für diese Patienten hilfreich sein,
    vorausgesetzt die psychologischen Modelle werden nicht mit dem Anspruch
    der Ausschließlichkeit vermittelt. “ (Gemeint ist, diese Modelle treffen
    eben nicht auf jeden Patienten zu.)

    Es lohnt sich, ihren Artikel zu Ende zu lesen. Auch was Frau Frede zum Thema Angst schreibt, ist absolut zutreffend. Und der Vergleich mit dem Fakir, den wir Schmerzpatienten so oft hören, fand ich auch schon immer deplatziert. Wenn jemand einen kurzfristigen Schmerz, dessen Dauer er selbst kontrollieren kann, aushalten oder ausblenden kann, muss das jedem anderen 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag gelingen? Schon ein unrealistischer Anspruch.

    Ohoh, ich könnte immer so weiter schreiben … Aber Frau Frede hat ja schon alles gesagt, was an den heutigen Dogmen der psychotherapeutischen Schmerztherapie zu kritisieren ist.

    Was mir dann wieder Hoffnung macht, ist das Internet. Ich denke, es bietet eine reelle Chance, einander auf eine Weise kennen und verstehen zu lernen, die vorher so nicht möglich war. Wir können über Foren wie dieses so viel über Menschen in ähnlichen und völlig anderen Lebenssituationen herausfinden, wie nie zuvor. Die Perspektive anderer Menschen einzunehmen übt und stärkt unsere Empathie und ich glaube wirklich, dass es uns zu besseren Menschen machen kann.

    Das war das Wort zum Samstag. Amen.

    kolle
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 43

    Liebe Guthase,

    ja, es ist wirklich schwer. Schmerzen nehmen einem die Lebensfreude, wie soll man die Dinge auch genießen, wenn man immerzu Schmerzen hat?

    Es freut mich zu hören, dass du auch bessere Phasen hast, wo das Leben dann wieder in Ordnung ist. Ich hoffe, diese werden immer mehr und dir geht es immer besser.

    Leider habe ich auch keine wirkliche Antwort darauf, wie man sich immer wieder motivieren kann. Vielleicht ist auch der Anspruch falsch, immer funktionieren zu wollen? Vielleicht ist manchmal die Lösung zu akzeptieren, dass es eben nicht geht und man dem Schmerz nachgeben muss. Ausruhen ist oft das Beste.

    Ich wollte zu meinem letzte Post noch sagen, dass das jetzt fast so klang, als könnte jeder sich aussuchen, bin ich jetzt arbeitsunfähig oder tut es mir besser zu arbeiten? Meist ist es ja so, dass jemand arbeitsunfähig ist und erstmal geht es darum, das anerkannt zu bekommen. Eine Wahl hat der Betroffene nicht, daher der Begriff „unfähig“. 😉

    Bettina Frank – Admin
    Keymaster
    Beitragsanzahl: 28235

    Hallo Kolle,

    bitte nicht auf andere Seiten verlinken und nicht große Passagen in Headbook kopieren. Ich bitte Dich, dies noch zu überarbeiten. Den zweiten Link habe ich mal gelassen, da er verpflichtend ist, wenn man Texte aus anderen Seiten rauskopiert. Nach der Überarbeitung bitte auch den Link löschen. Wir müssen hier sehr aufpassen mit Copyright usw.

    Googeln kann sich ja jeder selbst bestimmte Begriffe und diskutieren kann man auch, ohne lange Textpassagen aus anderen Seiten zu kopieren. Danke für Dein Verständnis.

    Liebe Grüße
    Bettina

    kolle
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 43

    Liebe Bettina,

    tut mir leid, ich wollte ganz sicher nicht gegen die Regeln des Forums verstoßen. Ich überarbeite den Post gern, kein Problem. Aber wo finde ich den Edit-Button? Oder wie mache ich es?

    Lora
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 524

    Hallo Kolle,

    Eine sehr interessante Diskussion!! Echt!!

    Ich bin mit dem was du von der Frau Frede zitiert hast zu 100% einverstanden!

    Ich habe dem Psychotherapeuten gleich bei erster Sitzung gesagt: ich werde mein leben nicht verändern. Das, was ich tue gefällt mir und ich will es weiter machen: Familie, Beruf, Hobbys usw.

    Wir sind an unseren Krankheiten nicht schuld. Was wir tun können: paar Sachen zu lernen wie Entspannung, Denkweise usw… die dann helfen. Mal auf einige Sache von anderen Blickwinkel zu schauen.

    Ich glaube auch nicht, dass bei solchen neurologischen Erkrankungen und auch bei Depressionen die Psychotherapie alleine hilft. Zumindest mir fällt es schwer daran zu glauben. Deswegen gehe ich gerne mit den Medikamenten bis auf Maximum. Da spare ich nix. Hauptsache es hilft.

    Ich bin nicht geheilt. Aber früher hatte ich sehr lange Migräne, von morgen bis abends. Jetzt sind die Kopfschmerzen leichter und dauern meist nur ca. 3 std. am Tag. Das ist schon ganz anderes Lebensqualität.

    LG
    Lora

    Anna
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 139

    Hallo Kolle,

    Habe deine Beiträge mit verfolgt. Es ist sehr bedrückend, wieviel Schmerzen Du aushalten musst und wie sehr sie Deine Leben beeinflussen.
    Zwischen den Zeilen habe ich immer das Gefühl, Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe seit 20 Jahren Migräne, seit 3 Jahren chronische Migräne mit täglichen Kopfschmerzen. Dazu Depressionen und permanente Erschöpfung. Natürlich kommen da auch immer wieder Achuldgefühle. Eigentlich bin ich gerne aktiv und nehme mein Leben selbst in die Hand, die Arbeit mache ich auch gerne. Und vor allem möchte ich für meine beiden Kinder da sein. Wenn dann die Schmerzen immer und immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen und mich lähmen, empfinde ich es häufig wie eine Bestrafung. Das ist für mich die größte Herausforderung, die Schmerzen anzunehmen. Und damit ein Leben mit Schmerzen. Hier im Forum bekam ich den Anstoß zum Achtsamkeitstaining. Darin finden sich gute Ansätze, nicht immer gegen den Schmerz zu kämpfen, sondern ihn anzunehmen. Das passt gut zu den Ansätzen aus dem Buch von Ursula Frede. Und ich merke tatsächlich, dass es etwas Druck nimmt, wenn ich die Schmerzen nicht immer besiegen möchte.
    Vielleicht kann das auch ein Ansatz für Dich sein?
    Wie Du mit soviel Schmerzen noch selbstständig arbeitest, kann ich mir gar nicht vorstellen. Ich arbeite seit 1 Jahr nur noch 2 halbe Tage, das geht auch oft nur unter großer Anstrengung. Wie hier so viele mit chronischer Migräne trotzdem noch Vollzeit arbeiten können ist mir echt ein Rätsel, wie macht Ihr das nur?
    Aber auch da nehme ich meine Situation inzwischen an und denke mehr geht einfach nicht.
    Allen einen guten Start in die neue Woche mit wenig Schmerzen!

    Anna

    guthase
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 18

    Guten Morgen liebe Kolle,

    ich fürchte dein Satz ‚Vielleicht ist der Anspruch falsch immer funktionieren zu wollen…‘ trifft den Nagel auf den Kopf 🙂 Schön, dass du mich nochmal daran erinnert hast.
    Von Frau Fede habe ich mir ‚Einsamkeit im Falle chronischer Schmerzen‘ runtergelden. Ich habe noch nicht damit angefangen, aber es hört sich sehr interessant an.
    Dir noch eine gute Zeit.

    Guthase

    Bettina Frank – Admin
    Keymaster
    Beitragsanzahl: 28235

    Hallo Kolle,

    über jedem Beitrag ist doch so eine graue Leiste, darin findest Du auch „Bearbeiten“. Danke! 🙂