Eigentlich meide ich es ja, über meine Migräne zu reden… (Triptatrine)

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    Wenn man „mal“ krank ist, kann man sich des Mitgefühls seines Umfeldes gewiss sein. Irgendwann – so schient es mir – ist jedoch die Fähigkeit zur immer wiederkehrenden Anteilnahme erschöpft.
    Wenn man wieder einmal einen Termin wegen Migräne absagt oder anderen „die Stimmung versaut“, weil man leidend in der Ecke sitzt, da man merkt, dass man „von der schlechten Luft in dem Raum“ oder der „grellen Sonne“ „Migräne bekommt“, leide ich gleich doppelt, da ich den Eindruck habe, die Menschen in meiner Umgebung zu strapazieren.

    MEINE Migräne erscheint mir besonders perfide. Die ersten Attacken ereilten mich – im Abstand von 2 Jahren – als ich das Wort Migräne nur vom Hörensagen kannte. Und bei Ereignissen, auf die ich mich als pferdebegeisterte Teenagerin schon Monate vorher gefreut hatte: Auf der Equitana (der Weltmesse des Pferdesports) in der Grugahalle in Essen. Gar nicht schön, mit dem Kopf über den versifften Kloschüsseln in der Messehalle zu hängen….

    Richtig los ging es dann so mit 20. Mein damaliger Hausarzt verordnete mit Mutterkornalkaloide und diverse Analgetika: Der Nutzen ging gegen Null, nur die Nebenwirkungen waren beeindruckend.

    Ich hatte mich schon damit abgefunden, kein normales Leben zu führen, da ich mich aus Angst vor einen Attacke, stark einschränkte. Ich achtete immer darauf, dass ich es vom Einsetzen des Prodomalstadiums bis zum Beginn der Attacke möglichst noch nach Hause schaffe. Die Angst vor der Attacke erhöhte noch die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens. Nach wie vor ist für mich eine Migräneattacke „im Vollbild“ außerhalb der eigenen 4 Wände der absolute Supergau.

    Einige Jahre später war ich mit meinem damaligen Freund zum Polterabend seines Bruders eingeladen. Es kam, wie es kommen musste, Migräne kündigte sich an. Mein Freund hatte sich so gefreut auf diesen Abend (mit mir), dass ich mich nicht traute, ihn anzurufen und mitzuteilen, dass ich nicht mitkommen könne.

    Voller Verzweiflung (aber ohne echte Hoffnung) schleppte ich mich zu einem mir unbekannten Hausarzt in der Nachbarschaft meines Freundes. Hier bekam ich mein erstes Sumatriptan, das ich zusammen mit MCP-Tropfen noch im Sprechzimmer einnahm. Ohne echt Hoffnung schlich ich zurück und legte mich ins Bett, zusammen mit meinem „Migräne Kit“: Kühlpad, Eimer, Glas, stilles Wasser, Tempos. 😉
    Kaum lag ich, merkte ich ein Kribbeln in den Fingern und schon waren Übelkeit und Kopfschmerz komplett verrschwunden. Ich war so dermaßen euphorisch…

    Die Euphorie hat sich inzwischen gelegt. Zwar wirken die Tiptane, die ich ab und an einmal wechseln muss, nach wie vor zuverlässig – wenn ich sie denn früh genug einnehme.
    Dennoch bin ich im Laufe der Jahre immer empfindlicher geworden, was die Trigger angeht. Extrem empfindlich reagiere ich auf Wetter und Licht, Gerüche und schlechte Luft (Zigarettenqualm und Heizungsluft!), die monatlichen Hormonschwankungen, Unterzuckerung, Flüssigkeitsmangel und Koffein“mangel“.
    Die Substanzen zur Prophylaxe habe ich tapfer den Nebenwirkungen trotzend ausprobiert: Betablocker, Topiramat, Amitryptilin, Pestwurz, Magnesium, B2, habe jahrelang die Pille „durchgenommen“, um Hormonschwankungen zu vermeiden…
    Teilweise konnte ich anfangs eine Besserung feststellen, die jedoch im Laufe der Zeit nachließ.

    Ich hatte auch schon die Möglichkeit eines Triptan-induzierten Kopfschmerzes in Betracht gezogen und 6 Wochen „ohne durchgehalten“. Da meine Attackenhäufigkeit jedoch deutlich variiert – mal bin ich 3 Wochen migränefrei, vorletzten Sommer hatte ich im Juli 21! Migränetage, kann man einen MÜK ausschließen.

    Als ich mich im Sommer verzweifelt an meinen Neurologen wandte: Ich sei sehr deprimiert und voller Sorge, da ich „eigentlich“ die Sonne und Wärme sehr! liebe, aber jedesmal, wenn ich bei herrlichstem Wetter mit dem Hund in den Wald ginge oder mit Freunden schwimmen, merkte ich sehr bald, dass ich – trotz Sonnenbrille – von dem zwischen den Bäumen bervorblitzenden Sonnenlicht (oder auch dem schwülen Wetter) Migräne bekommen würde.
    Um diese zu vermeiden würde ich – völlig deprimiert – wenn eben möglich, zuhause im abgedunkelten Raum bleiben. Ich könne zwar ein Triptan einnehmen und die Attacke abwenden, würde mich aber sorgen, einen MÜK zu entwickeln.
    Der (einzige) Kommentar meines Neurologen: „Ich glaube, Sie denken einfach zu viel über Ihre Migräne nach.“

    Ohne „meine“ Triptane wäre ich nicht lebensfähig. Ein heftiger Anfall (unbehandelt) setzt mich zwei Tage außer Gefecht. Im Schnitt sind es 5-10 im Monat. Selten einmal auch weniger, manchmal jedoch 3 Wochen am Stück.

    Auch wenn ich die Attacke vermeiden kann, es ist dennoch sehr belastend, wenn sich so ein Migräneanfall ankündigt. Meist in den unpassendsten Situationen. Auch wenn ich die Triptane gut vertrage, schon Stunden vor einem Migräneanfall bin ich unkonzentriert, habe das Gefühl, als säße ich unter einer Käseglocke und das Leben spielte sich außerhalb ab.
    Immer muss ich abwägen: Tablette nehmem oder nicht (vielleicht wird es ja auch nach einer Tasse Kaffe besser?). Manchmal kann ich auch eine beginnende Migräne dadurch abwenden, dass ich einen Rollkragenpulli anziehe, den ich vorher angefeuchtet und dann ins Eisfach gelegt habe. Gleichzeitig trinke ich ein Glas geschreddertes Wassereis. Das würde bei „normalen“ Menschen Kopfschmerz verursachen, mir hilft es manchmal.

    Ohne Triptan in der Tasche verlasse ich nur ungerne das Haus. Immer muss man darauf achten…

    Soviel zu meiner Migräne und mir….
    Stefanie

    Bettina Frank – Admin
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    Liebe Stefanie,

    das war ein sehr „anschaulicher“ Bericht, der mir irgendwie sehr bekannt vorkam. 😉 Vielen geht es ähnlich und was Deine Trigger anbetrifft, könnten das viele von uns geschrieben haben. Ebenso haben „hilfreiche“ Ärzte Deinen Weg gekreuzt mit weniger hilfreichen Kommentaren – ebenfalls bekannt.

    Ein Leben ohne Triptan wäre auch für mich unvorstellbar und die Dankbarkeit ist groß, dass wir solche gut wirksamen Medikamente zur Verfügung haben.

    Ist diese große Angst vor der Attacke immer noch da? Die Triptane wirken doch, oder nicht? Eispulli und Eiswasser wären nichts für mich. Bei einer beginnenden Migräne vertrage ich höchstens meine kühle Hand auf der Stirn. Jede extreme Temperatur (ob warm oder kalt) wäre mir ein Graus. Aber so sind wir halt alle unterschiedlich gestrickt, die Erkrankung ist die selbe.

    Warst Du schon mal in einer Klinik? Hast Du im Moment eine Prophylaxe?

    Liebe Grüße
    Bettina

    Happy
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 1826

    Liebe Stefanie,

    danke für Deinen anschaulischen Bericht. Ich finde, dass Du mir so sehr aus der Seele sprichst und das so hervorragend formulierst, dass ich mir vorgenommen habe, mir Deinen Bericht als Vorlage für öffentliche Ämter zu nehmen, wenn ich erklären soll, wie es mir geht.

    Aber das mit dem Rollkragenpulli würde bei mir auch nicht gehen, zumal ich enge Krägen gar nicht vertrage, schonmal gar nicht bei Migräne. Aber Kühle tut mir dann auch gut, wenn es nicht draußen das Wetter dann ist.

    Ich wünsche Dir gute Besserung und dass die Ängste vor den Attacken verschwinden. Du hast doch die Triptane. Mir haben diese sehr geholfen, meine Angst vor den Attacken zu reduzieren.

    Die Klinik kann ich Dir übrigens sehr empfehlen. Mir hat das sehr gut getan.

    Alles Liebe
    Christiane

    gizmo
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 86

    Liebe Stefanie

    auch ich möchte mich für den tollen bericht bei dir bedanken, du schreibst auch mir aus der seele und die beschreibung könnte von mir sein (nur kann ich es nicht so gut in worte fassen:) ).

    ich kenne diese ständige angst vor der migräne nur zu gut und die enttäuschten gesichter meiner kinder, wenn mama wieder einmal einen geplanten ausflug absagen muss, auf den sich die kids natürlich schon lange irrsinnig gefreut haben. auch bei mir helfen die triptane ganz gut, da sie mich aber doch recht beduseln, möchte ich dann jeweils nicht autofahren mit den kids hintendrinn.

    wenn ich ein rezept kennen würde, damit diese ängste verschwinden, würde ich es dir gerne geben, aber leider habe ich auch noch keines gefunden. Ich wünsche Dir viel Kraft und gute Besserung!

    lg – gizmo

    Semi
    Teilnehmer
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    Wunderbare Zusammenfassung Triptatrine, wo wir uns sicher in Sequenzen alle wiederfinden können, so natürlich nicht bei den individuellen, gelegentlich sehr eigenwilligen, der Linderung unseres Leidens dienenden Maßnahmen, wie ich lese.

    Sollten wir vielleicht mal alles zusammentragen und ein Buch darüber schreiben, könnte ein Bestseller werden.

    Dass das Umfeld nicht immer so entgegenkommend und sensibel reagiert, mit Blick auf das direkte Umfeld, kann ich nachvollziehen. Irgendwann kann und weiss man auch nichts mehr zu sagen. Mein Mann nimmt es zur Kenntnis, hilft mir nach diesen vielen Jahren auf der praktischen Ebene, wohlwissend was mir guttut, hat sich so eingespielt, gesprochen wird über meine Migräne eigentlich gar nicht mehr. So blöde, wie sich das anhört, die Migräne hat ihren festen Platz in unserer Familie, gehört sie gar zur Familie, was wiederum bedeutet, dass man nicht mehr über sie spricht, mit ihr lebt und nur dann in den Vordergrund rückt, wie zur Zeit, wenn sich die Erkrankung in ihrer Verstärkung und Häufigkeit „zu viel Platz“ einräumt.

    Und ich kann auch verstehen, wenn das Umfeld gelegentlich mal etwas unglücklich oder enttäuscht ist, wenn man „mal wieder“ wegen der Migräne eine Einladung absagen muss oder wie auch immer. Allerdings bleibt das, seit ich Triptane nehme, im überschaubaren Bereich.

    Sodele, ich wäre, da ich die Rollkragenvariante von Triptatrinchen so enorm klasse finde – aber nie selbst anwenden würde….brrrrrrrrrrrrr….echt dafür, an anderer Stelle mal unsere Erfahrungen bezüglich dessen, wie wir für Linderung sorgen, zusammenzutragen.
    Ich sage euch, das wird der Renner.

    Lg Semi

    Doro
    Teilnehmer
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    liebe stefanie,
    es sind genau diese ängste, behinderungen und begebenheiten im zusammenhang mit der migräne, die einem das leben ungemein erschweren können.
    deine ängste kann ich so gut nachfühlen. selbst jetzt, wo es mir viel besser geht, merke ich, wie tief dies alles sitzt und manchmal die leichtigkeit des momentes durchkreuzt. immer noch habe ich *angst* vor terminen, da ich nie weiß, ob ich sie einhalten kann………..
    dein bericht ist toll und bringt vieles auf den punkt.
    von herzen wünsche ich dir vor allem zuversicht und *selbstsicherheit* im umgang mit der migräne
    doro

    Triptatrine
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 5

    Vielen Dank für eure netten Kommentare.

    Die einzige Prophylaxe, die ich im Moment nehme ist ein Kombi aus Magnersium, B2 und Q10. Ich habe den Eindruck, dass manche Attacken „milder“ verlaufen. Da die Magnesiummenge in dem Präparat, das ich nehme, nicht den Empfehlungen entspricht, werde ich jetzt zusätzlich einmal versuchen, Mg zu ergänzen. Magnesium alleine hatte ich zwar schon hochdosiert probiert, jedoch nicht in dieser Kombi.

    Der Eisrolli (den ich nicht als „Allheilmittel“ propagieren möchte, da eben dieses auch Kopfschmerz erst auslösen könnte) bewirkt in Zusammenhang mit dem Eiswasser eine Vasokonstriktion.
    Ich kann bei mir unter der Migräneattacke eine geweitete, pochende Arterie in der Schläfe und im Nacken ertasten. (Die Seite wechselt von Attacke zu Attacke). Mein subjektiver Eindruck und theoretischer Ansatz ist der, dass sich die Gefäßstellung nach der schlagartigen Vasokonstriktion durch die Kälte wieder normalisiert. Ich muss mich sehr dazu überwinden, finde es im ersten Moment äußerst unangenehm, doch gerade eine nahende „Sommer-Wettermigräne“ konnte ich so schon mehrfach komplett abwenden.

    Bei gefühlvollem Druck mit dem Finger auf genau diese pochende Arterie, verschwinden die Symptome für einen Moment völlig. Diesen Ansatz verfolge ich derzeit in diversen Selbstversuchen. 😉

    Ja, das Leben ist dank der Triptane wieder lebenswert. Da ich jedoch ein Chaot bin (und mein Neurologe ein Geizhals) verpasse ich manchmal den spätesten Einnahmezeitpunkt – Sumatri