Meine persönliche Kopfschmerzgeschichte

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  • Karsten
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    Lieber Leser meiner Geschichte,

    seit dem Jahr 2001 lebe ich getrennt und bin geschieden. Eine langjährige Phase mit vielen Bierabenden mit Freunden oder Geschäftspartnern begleiteten mich von da an. Hin und wieder wurde soviel Bier getrunken, dass ich vorsorglich vor dem Schlafengehen eine Kopfschmerztablette nahm. Wie häufig das war weiß ich nicht mehr. Eine Freundin ermahnte mich damals das nicht zu häufig zu tun, da Kopfschmerztabletten schädlich seien.

    Im Jahr 2008 wurde ich Mitglied einer semiprofessionellen Rockband und entsprechend dem Klischee wurde auch viel Alkohol konsumiert. Ich kann mich nicht an die Anzahl erinnern aber auch zu der Zeit habe ich hin und wieder vorsorglich Kopfschmerztabletten genommen. Mein größter Schmerz spielt sich dabei oberhalb der Augen ab. Wenn ich während des Alkoholkonsums gemerkt habe, dass es dort anfängt zu drücken, war es für mich das Zeichen eine Kopfschmerztablette zu nehmen damit ich nach dem Schlafen kopfschmerzbefreit aufstehe.

    Am Ende des Jahres 2011 hatte ich beschlossen keinen Schluck Alkohol mehr zu trinken. Es wurden mir zu viele Stunden und damit wertvolle Lebenszeit die bei der Erholung von Bierabenden verloren gingen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich im Gesicht hin und wieder komische Empfindungen. Wie ein Ziehen oder Straffen der Haut welches sich von der Stirn, seitlich am Auge vorbei, an der Wange runter zog. Aufgrund vieler Fahrten im Bandbus und damit viele Stunden in denen der Kopf schräg zur Seite oder nach Hinten rumlag, nahm ich an, dass dies irgendwie auch damit zusammenhängen würde.

    Nachdem ich nun erfolgreicher und zufriedene Nichtalkoholiker geworden bin, begann 2012 meine Kopfschmerzepisode. Langsam und irgendwie immer mehr. Das Ziehen und Reissen im Gesicht begleitet mich bis heute und ist mittlerweile ständig da. Bis dahin kannte ich Kopfschmerz nur als Folge von zu viel Alkohol und so machte ich mir Sorgen und begann die Kopfschmerztage zu zählen und zu dokumentieren. Als Kopfarbeiter fällt mir der Umgang mit Zahlen und Tabellen leicht und beim Belesen zu dem Thema „Kopfschmerz“ wird man ja schnell auf einen Kopfschmerzkalender aufmerksam gemacht.

    Vor lauter Angst vor den Folgen von den vielen Tabletten habe ich die Tabletten zu spät und oft auch in zu geringer Dosierung eingenommen. Das waren am Ende viele unzählige Tagen von unnötigen Kopfschmerzen. Ich war stets unsicher: nehme ich jetzt Tabletten oder nicht. Genau der Kreislauf der Jeden irgendwie nervt und zusätzlich belastet. Meine erster Arztbesuch führte mich zum Hausarzt, von da zum Neurologen und zuletzt 2015 in der Charite in der ambulanten Kopfschmerzstunde. Dort wurde ich nebenbei auf die 10 Tage Regel hingewiesen und man ermunterte mich die wirksamen Tabletten in der richtigen Dosierung einzunehmen. Das Jahr 2016 lief lief dann für mich entspannter als die Vorjahre ab. Nun war der Druck mit den Tabletten raus und ich musste nur auf die 10 Tage achten. Gefühlt ging es mir damit schon mal wesentlich besser. Als ob ich mich mit den Kopfschmerzen arrangiert hätte und meinen Frieden geschlossen hätte. Wenn da nicht zwischenzeitlich heftige Attacken von bis zu fünf zusammenhängenden Tagen wären an denen ich einige Tabletten nehmen muss damit ich die Zeit durchstehe.

    Der Dezember 2016 war hervorragend: nur an 4 Tagen musste ich eine Maxalt nehmen. Unglaublich. Dafür schlug es dann im Januar hart zu: 10 Tage mit Schmerzmittel. Die Anzahl der Schmerztage (ohne Tabletten) zwischendurch habe ich nicht gezählt um nicht deprimiert zu sein. Es war so anstrengend, dass ich mich selbst in ein Krankenhaus einweisen wollte. Auf jeden Fall liefen mir die Tränen über das Gesicht als ich sinngemäß im Gästebuch der Schmerklinik Kiel mehrfach las: „zum ersten Mal seit Jahren ein Tag ohne jede Kopfschemrzen erlebt“. Das hat mich motiviert einen ersten ambulanten Termin in Kiel zu vereinbaren. Im Nachgang habe ich festgestellt, dass ich derzeit eine heftige Blockierung im Rücken- und Nackenbereich habe.

    Ach so eine üble Nebenwirkung: Stets und ständig ist man ja auf der Suche nach dem einen Schalter der für den Schmerz zuständig ist. War es jetzt die vorhergehende tablettenfreie Zeit die die heftige Attacke provoziert hat oder war es die Blockierung.

    Das grade in solch Phasen wie zuletzt im Januar kein Tag vergeht ohne über Kopfschmerzen nachzudenken ist für mich ein starkes Signal noch mehr zur Besserung zu tun. Ein guter Tag ist es für mich, wenn ausser dem Reissen und Zeihen und leichten Drücken in der Stirn keine Augenschmerzen bestehen.

    Wenn ich zurückblicke habe ich mich mittlerweile in vielen Dingen stark eingeschränkt. Ich verabrede mich in ungern weil ich nicht ob es mir an dem gewünschten Tag grade gut geht. Das hat natürlich Auswirkungen auf mein ganzes Umfeld. Das was mir bisher großen Spass gemacht hat habe ich stark reduziert: ich mache weniger Musik und halte ich mit Sport sehr stark zurück. Ich habe bisher sehr gerne Sport (HIIT-HochintensivesIntervalltraining) betrieben. Vor hoch intensiven Sportarten wird bei Kopfschmerzen natürlich gewarnt. Dieser Verzicht hinterlässt natürlich auch seine Spuren und so ist es nicht verwunderlich, wenn man dabei auch antriebslos wird.

    Die harte Phase im Januar hat dazu geführt dass mein bester Freund, der ich sowieso in allem unterstützt, die Notwendigkeit der Behandlung erkannt hat und mich ermuntert hat den Schritt in die Schmerzklinik zu machen. Ich kann Ihn jederzeit anrufen und mich mit Ihm über meine Probleme austauschen. Zuletzt am Freitag, nach 4 x 1 Stunde Mitarbeiter-Jahresgesprächen, war mein Kopf ein einziger kopfgewordener Schraubstock der ganz schwer über den Augenbrauen hängt und darauf wartet in die Augenhölen zu krachen. Der ewige Fragen-Kreislauf war schon in Gang gesetzt: Tablette ja oder nein. Ja oder Nein … Ich hab meinen Freund angerufen Ihm erzählt wie es mir geht und um seine Meinung gebeten. Getreu dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Das Telefonat endete mit dem Ergebnis: Karsten nimm jetzt eine Tablette bevor du dich im Kreis drehst. Tatsächlich ging es mir aber unmittelbar nach dem Telefonat soviel besser dass ich mich getraut habe auf die Tablette zu verzichten.

    Der Samstag danach begann auch mit einem starken Schmerzen in den Augen, aber ich habe mich super abgelenkt, die Wohnung aufgeräumt und Mittags war es auch ohne Tabletten besser geworden. Dei Enthaltsamkeit kostet Kraft und geht nur wenn ich mich auch vital und motiviert fühle. Wäre ich innerlich kaputt gewesen, hätte ich am Freitag und am Samstag sicher zur Tablette gegriffen. Ich stelle mir dann trotzdem Frage: lohnt es sich um jeden Tag „Tablettenfrei“ zu kämpfen oder hilft hier nur der stationäre Besuch und die Medikamentenpause weiter?

    Hin und wieder gibt es Tage an denen ich ganz normal arbeiten kann. Diese Tage sind ein Segen und machen mich zufrieden. Nachdenklich stimmt es mich trotzdem, weil mir dann bewusst wird, das ich eigentlich an vielen Arbeitstagen im Jahr gar nicht richtig arbeitstauglich bin und mich krank melden müsste.

    Den Wenigen denen ich meine Geschichte erzähle, bleibt manchmal nichts anderes als mich spaßig aufzufordern, dass ich doch besser ein paar Bier trinken sollte um wieder etwas lockerer zu werden. Trotz aller Kopfschmerzen, war dies an keinem der stärksten Schmerztage eine Option für mich.

    In meiner kleinen Welt sind meine Schmerzen riesig groß. Da ich mich noch nie übergeben musste oder anderweitig Anzeichen einer Aura hatte, gehe ich davon aus, dass ich keine Migräne habe. Beim Belesen zu dem Thema wird mir aber klar, dass andere Menschen noch viel eingeschränkter sind und Ihre Tage noch viel schmerzhafter verbringen müssen. An diese viele Menschen denke ich oft und wünsche Ihnen das Beste und Zufriedenheit.

    Liebe Grüße – Karsten

    • Dieses Thema wurde geändert vor 2 years, 9 months von Karsten.
    Johanna
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 2851

    Lieber Karsten,

    herzlich willkommen hier im haedbook. Ich glaube, die eigenen Schmerzen mit denen von anderen vergleichen ist eines der ersten Dinge, die man lassen sollte. Du hast deine Schmerzen und das ist der Maßstab.

    Ich bin an zwei Dingen in deinem Bericht hängengeblieben. Du schreibst du nimmst Maxalt. Maxalt ist ein Triptan und wirkt nur bei Migräne. Weiter unten schreibst du, dass du keine Aura hast und nicht erbrechen musst und deshalb denkst, dass du keine Migräne hast. Gehört auch beides nicht zu meinem Krankheitsbild und doch ist es Migräne.

    Warst du jetzt schon ambulant in Kiel?

    Du wirst sehen, es wird dir mit der richtigen Unterstützung gelingen, deinen Weg mit oder mit weniger oder vielleicht sogar ohne Schmerzen zu finden. Es gibt viele Möglichkeiten und hier ist ein „buntes Völkchen“, dass du fragen kannst.

    LG Johanna

    • Diese Antwort wurde geändert vor 2 years, 9 months von Johanna.
    Bettina Frank – Admin
    Keymaster
    Beitragsanzahl: 28445

    Ein herzliches Willkommen im Forum, lieber Karsten. 🙂

    Du hast auf jeden Fall schon einen ziemlichen Kampf hinter Dir und bist vom Medikamentenmissbrauch (das scheint er wohl gewesen zu sein) weg, ebenso vom Alkohol.

    Was ich auch nicht ganz verstehe, ob Du nun schon ambulant in der Schmerzklinik Kiel warst oder nicht.
    Wenn ja, müsstest Du doch jetzt eindeutige Diagnosen haben (Migräne?, Spannungskopfschmerz? MÜK?).

    Hast Du eine Prophylaxe?

    Liebe Grüße
    Bettina

    Jojo
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 331

    Hallo Karsten,

    Ui, du hast ja schon einen harten Weg hinter dir.

    Hast du denn nun einen Neurologen, zu dem du regelmäßig gehst? Was haben die Ärzte in Kiel denn diagnostiziert? Oder warst du noch nicht zum Termin?

    Migräne ist eine eigenständige, neurologische Erkrankung, nicht Symptom von etwas anderem. Insofern würde ich der Blockade im Nacken/ Rückenbereich nicht allzu viel Bedeutung beimessen.

    Allerdings führt Migräne selbst zu teils heftigen und schmerzhaften Nackenverspannungen. Könnte es bei dir auch von der Migräne gekommen sein?

    Du schreibst, dass du den „schuldigen“ Schalter suchst. Das ist verständlich, und ich selbst habe auch jahrelang gesucht ? Aber diese Sich bringt meist nicht viel. Natürlich gibt es Trigger, die man meiden kann. Aber Migräne ist fies und unberechenbar, und schlägt zu, wann immer es ihr passt.

    Genauso kommen auch die schlechten Phasen. Ohne ersichtlichen Grund. Dann plötzlich läuft wieder alles rund. Deshalb habe ich die Ursachenforschung aufgegeben, und mittlerweile einfach akzeptiert, dass ich die Migräne nicht kontrollieren kann. Das war bei mir ein langer Prozess, und ich bin gewiss nicht die Einzige ?

    Es ist gut, dass du die 10/20 kennst und dich daran hältst. Andererseits ist es keine Option, den Schmerz auszuhalten. Da du den Kalender führst, weißt du bestimmt, ob du oft über die 10 Tage Schmerz hinauskommst. Kann man die 10/20 meist nicht einhalten, oder muss viele Schmerztage unbehandelt überstehen, so kann man eine Prophylaxe ins Auge fassen.

    Ich bin mir sicher, bei dir ist noch viel Luft mach oben. Hier bei Headbook bist du bestens aufgehoben.

    Ich habe auch chronische Migräne, und bin mittlerweile so gut medikamentös eingestellt, dass ich quasi ein „normales“ Leben führen kann, und mich nicht viel einschränken oder auf viel verzichten muss. Ich schreibe dir das, weil ich dir Mut machen will.

    In der kleinen Welt, schreibst du, sind die Schmerzen riesig groß. Ich hoffe, dass wir dir hier helfen und Denkanstöße geben können, dass sie wieder auf ein ertragbares Maß zurückgehen.

    LG

    Jojo

    Karsten
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 5

    Hallo Johanna,

    vielen Dank für Deine Rückmeldung.

    Vor allem wirkt Maxalt sehr zuverlässig bei meinen Augenschmerzen. Ich vermute das erst nach einer Tablettenpause eine bessere Einstufung der Kopfschmerzen vorgenommen werden kann.

    Nein ich war noch nicht in Kiel. Mein erster ambulanter Termin ist in diesem Jahr im August.

    Liebe Grüße – Karsten

    Karsten
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 5

    Hallo Bettina,

    vielen Dank für Deine Rückmeldung. Mein erster Termin in Kiel wird in diesem Jahr im August sein. Eine Medikamentenprophylaxe habe ich nicht. Ich praktiziere seit vielen Jahren verschiedene entspannende Verfahren bei denen ich zur Ruhe komme.

    Liebe Grüße – Karsten

    Karsten
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 5