Migräne mit schwachen Kopfschmerzen? (TRalla)

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  • TRalla
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    Hallo ihr alle,

    nachdem ich nun ein paar Tage hier mitgelesen habe, wollte ich mich auch vorstellen.
    Ich bin momentan am Zusammenschreiben meiner Doktorarbeit. Ich liebe mein Thema, meine Arbeit, Forschung allgemein, aber komme doch nicht vorwärts. Seit 2 Jahren habe ich das Gefühl, nur etwa 10% Arbeitsfähig zu sein, mit viel ‚vor dem Rechner sitzen und immer nur den gleichen Satz anstarren‘, oder ’nur schnell im Internet die Nachrichten checken‘. Oder tageweise müde, oder traurig, oder schmerzig daheim sein.
    Ich dachte es ist Stress, oder Depressionen – ich habe eine schwere Kindheit gehabt, Doktorarbeiten sind (trotz allem Spaß) auch stressig, und in meiner Familie kursieren Depressionen und Migräne.
    Ich habe in den letzten 2 Jahren also alles versucht: Sport/Bewegung, Abnehmen, Zeit mit Freunden, Keinen-Stress-machen, Jetzt-mit-Stress-durchpushen, Gesund Essen, Eine coole Stelle für danach finden (in Kanada!), ADHS-Diagnose und Medikamente, Generelle Untersuchungen beim Arzt,… Alles ohne Erfolg. Und es macht mich echt fertig, dass meine Probleme meine Zukunft und meine Träume gefährden, und dass ich meine Doktorarbeit, die ich so liebe, nicht genießen kann.

    Vor 2 Monaten habe ich angefangen, alle Beschwerden in einer App zu notieren, jeden Tag.
    Dabei habe ich bemerkt, dass ich immer etwa 2 Tage ohne Probleme habe, an denen ich konzentriert und mit Freude arbeiten kann, und dann 4-5 Tage mit Problemen, dann wiederholt sich das ganze. An quasi jedem Problem-Tag habe ich Kopfschmerzen, manchmal nur ganz leichte, manchmal auch mittelstarke, gelegentlich auch starke, typischerweise einseitig (meist rechts) und leicht pulsierend. Zudem Lichtempfindlichkeit (recht stark), Lärm- und Geruchsempfindlichkeit. Manchmal bin ich extrem müde (so dass ich mich spontan hinlegen und schlafen muss), manchmal fühle ich mich extrem depri und weinerlich (für ein paar Stunden oder einen Tag), öfters ist mir ein wenig übel, manchmal habe ich auch Heißhunger. Der krasseste Unterschied ist jedoch für mich: An Problem-Tagen kann ich meine Doktorarbeit in meinem Kopf nicht sehen! Es ist wie wenn meine Doktorarbeit wie eine helle Sonne für meine lichtempfindlichen Augen ist, daran denken ist schwer, und mein mentales Auge schließt sich automatisch sofort wieder. Da, wo in meinem Kopf sonst tausend Gedanken sind – Wie hängt das mit dem zusammen? Was will ich als nächstes schreiben? Wo soll das Bild hin? Oh, der Zusammenhang ist toll, wo will ich das erklären? – da ist an Problem-Tagen nur Leere, und jede Berührung dieser Leere schmerzt.

    Momentan, ihr seht es schon daran, dass ich in dem Forum hier schreibe, gehe ich der Diagnose ‚Migräne‘ nach. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich häufiger schon Migräne-Attacken hatte (und meine Mutter, Bruder, Onkel und Großmutter haben/hatten auch welche), aber in den letzen Monaten waren die Kopfschmerzen so häufig, aber auch oft so schwach, dass mir der Zusammenhang lange nicht klar war, erst beim Symptomtagebuch sind mir die Kopfschmerzen aufgefallen.

    Die Diagnose bekommen ich (vielleicht, wenn zutreffend) in einer Woche vom Neurologen. Bis dahin habe ich mich im Internet schlau gemacht. Aber eine Frage habe ich an euch alle: Die meisten von euch scheinen sehr unter den Kopfschmerzen zu leiden – wäre ich da ein totaler Ausreißer? Wie sieht es mit euren Lieblingshobbies und tiefen Gedanken aus – könnt ihr meine Probleme nachfühlen, oder würdet ihr so Kleinigkeiten vor lauter Schmerzen eh nicht merken? Kann Migräne überhaupt auch so aussehen?

    Viele Grüße, und Danke fürs Lesen meines langen Textes!
    TRalla

    sternchen
    Teilnehmer
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    Hallo Thralla,

    Herzlich willkommen hier im Headbook.
    Es tut mir leid, dass du zur Zeit so verunsichert bist. Ich kann das gut verstehen. Viele von uns habe solche Zeiten hinter sich.

    Wie gut, dass du bald eine sichere Diagnose bekommst. Alle von dir geschilderten Symptome kenne ich und würde sie der Migräne zuordnen. Ganz wichtig ist auch der Genfaktor. In deiner Familie sind sehr viele Personen Migräniker. Migärne ist eine genetisch bedingte neurologische Grunderkrankung. Oft geht die Migräne auch z.B. mit Depressionen oder Angststörungen zusammen.

    All deine Probleme kann ich gut nachvollziehen.

    Du schreibst leider nichts über die aktuelle Häufigkeit der Migräne, und über die Medikamente welche du einsetzt. Vielleicht magst du da noch ein bisschen nachlegen.

    Alles Liebe
    Sternchen

    Chroninchen
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 89

    Hallo TRalla,

    auch von mir ein herzliches Willkommen im Headbook.

    Kann Migräne überhaupt auch so aussehen?

    Migräne ist eine Erkrankung mit vielen Gesichtern, vielleicht buchstäblich mit so vielen Gesichtern, wie es Migräniker gibt. Es gibt nicht die eine Migräne, die bei allen Menschen gleich verläuft. Typische Symptome der Migräne hast du aufgezählt, wie z.B. pochende Schmerzen auf einer Kopfseite, Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit.

    Zudem ist – wie Sternchen schon geschrieben hat – die Anfälligkeit für Migräne eine Art Erbkrankheit; inzwischen sind über 40 Chromosomenabschnitte gefunden worden, die bei Migränepatienten verändert sind. Wer diese Abweichungen hat, ist anfällig für Migräne – die Menschen die diese Veränderung der Chromosomen nicht aufweisen, erkranken auch nicht an Migräne. Ob die Migräne aber tatsächlich ‚ausbricht‘ ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig.

    Die meisten von euch scheinen sehr unter den Kopfschmerzen zu leiden – wäre ich da ein totaler Ausreißer?

    Nein. Ich weiß zwar (noch) nicht, warum die Schmerzstärke der Migräne nicht nur zwischen den Migränikern unterschiedlich ist, sondern auch bei den einzelnen Attacken in der Intensität schwanken kann, aber das die Schmerzintensität von leicht bis „nichts geht mehr“ schwanken kann, kann ich dir bestätigen.

    Die Anzahl meiner Migräne-/Kopfschmerztage schwankt zwischen 10 und 26 im Monat, aber es kann gut sein, dass ich einen Monat mit vielen nicht so heftigen Attacken angenehmer finde, als einen Monat mit wenigen Tagen, die mich dann aber komplett von den Füßen holen.

    An Problem-Tagen kann ich meine Doktorarbeit in meinem Kopf nicht sehen! Es ist wie wenn meine Doktorarbeit wie eine helle Sonne für meine lichtempfindlichen Augen ist, daran denken ist schwer, und mein mentales Auge schließt sich automatisch sofort wieder. Da, wo in meinem Kopf sonst tausend Gedanken sind – Wie hängt das mit dem zusammen? Was will ich als nächstes schreiben? Wo soll das Bild hin? Oh, der Zusammenhang ist toll, wo will ich das erklären? – da ist an Problem-Tagen nur Leere, und jede Berührung dieser Leere schmerzt.

    Als ich diese Zeilen gelesen habe, musste ich an meinen Aufenthalt in Kiel denken, speziell an die dort verwendetet Vergleiche.

    Ein anderes Wort für Migräne ist: Reizverarbeitungsstörung. Das Gehirn nimmt alle Informationen ungefiltert auf, es ist nicht in der Lage, Geräusche (= Reiz) zu filtern

    „Ferrari im Kopf“ – das ist ein Bild, das Prof. Dr. Göbel verwendet, wenn er die Aktivität eines Mirgänegehirns erklärt. Menschen, die Migräne haben, sind oft sehr begabt und können an migränefreien Tagen geistig sehr viel leisten. Das Gehirn ist in dieser Zeit überdurchschnittlich aufnahmefähig, viele berühmte Persönlichkeiten haben auch oft Migräne (gehabt). So lange der Ferarri läuft, saugt er alle Informationen auf und gibt eine Menge produktiver Gedanken wieder. Aber ein Ferrari braucht viel Sprit. Darum ist es für Migräniker wichtig, einen geregelten Tagesablauf zu haben und regelmäßig kolehydrathaltige Nahrung zu sich zu nehmen.

    Das zweite Bild, was ich mitgenommen habt, ist das Wasserfass. Das Gehirn ist wie ein Fass Wasser, das laufend mit Reizen gefüllt und wieder entleert wird. Der große Unterschied ist das Werkzeug, das zum Leeren des Fasses benutzt wird. Bei Nicht-Migränikern sind der Behälter zum Einfüllen und Entleeren fast gleich groß; beim Migräne-Patienten kommt der Reiz in Form eines 10-Lieter-Eimers in das Fass, es kann jedoch nur mit einem Eßlöffel wieder entleert werden.

    Je nach persönlicher Verfassung läuft das Fass früher oder später über, dann kommt die Migräne zum Ausbruch; der Zeitpunkt hängt unter anderem von der Größe des Fasses und der bereits vorhandenen Wassermenge ab (= Vulnerabilität, Reizüberflutung, Stress).

    Ich hoffe, dir für den Anfang ein wenig das Wesen der Migräne näher gebracht zu haben, so dass du das, was mit dir passiert, besser verstehen kannst.

    LG Chroninchen

    TRalla
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 3

    Hallo Sternchen,
    vielen Dank für deine mitfühlende Antwort!

    Es stimmt, bei exakten Angaben war ich etwas sparsam. Momentan habe ich 15-20 Kopfschmerztage im Monat (aber ich schreibe erst seit 2 Monaten Symptome auf, vielleicht ändert sich die Statistik noch etwas), und eben immer in Wellen von etwa 4-6 Tagen, dann 2 Tage keine Probleme. An Schmerzmitteln spare ich normalerweise, weil die Kopfschmerzen wie gesagt ja oft nicht so stark sind, und ich die Erfahrung gemacht habe, dass die Schmerzmittel meinen Kopfschmerzen helfen, aber nicht meiner Konzentration. Für Routine-Aufgaben ist das okay, aber meiner Doktorarbeit helfe ich damit halt überhaupt nicht.
    Ich bin also bei unter 10 Tagen mit Schmerzmitteln, aber nicht viel – Schmerzmittel nehme ich für die Kopfschmerzen dann eben doch gelegentlich. Aber vor allem habe ich traditionell extrem starke Regelschmerzen (mit Verdacht auf Endometriose, mit Kreislaufkollaps, Übergeben, miesen Krämpfen, und Kopfschmerzen – aber meist eher beidseitig, nicht wie die Migräne-artigen Schmerzen sonst). Momentan nehme ich deswegen die Pille im Langzeitzyklus, aber ich bekomme immer noch alle 5 Wochen (leichtere) Regelbeschwerden, und da nehme ich dann 2-3 Tage Schmerzmittel.

    Liebe Grüße
    TRalla

    TRalla
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 3

    Hallo Chroninchen,
    danke für das Willkommen-heißen und die Erklärungen – das ist sehr hilfreich für mich!

    Deine Erklärungen kann ich gut nachvollziehen, die sind etwas ähnlich wie die Erklärungen meiner Mutter, und ich habe das auch selbst so erlebt, dass ich nach einer Phase in ich mich länger überfordere mit Organisation und Reizen (Konferenzen mit spannenden Vorträgen und Menschen an fremden exotischen Orten zum Beispiel) oft eine Migräne bekomme (wie gesagt, noch nicht wirklich diagnostiziert, aber mit all den typischen Symptomen).

    Die häufigen Migräne-Wellen (ich nenn das jetzt mal einfach so, trotz fehlender Diagnose) sind allerdings etwas anders. Erstens sind sie regelmäßig (2 Tage ohne, 4-7 Tage mit Migräne), und gefühlt nicht stressabhängig, und auch (meist) viel leichter. Deswegen habe ich in den letzten 2 Jahren ja erst jetzt an Migräne gedacht.

    Ich hab mein eigenes Bild für meine aktuellen Probleme entwickelt. Vielleicht ist es komisch, aber irgendwie muss ich mein Erleben ja wenigstens in Worte fassen:
    Normalerweise (und momentan an migräne-freien Tagen, außer wenn ich mich total in Stress steigere) ist meine Gedankenwelt bezüglich meiner Doktorarbeit und der Physik allgemein wie wenn ich der kreative Geist in meiner eigenen Ausstellung moderner Kunst wäre. Ich habe eine Sammlung spannender Werke von anderen Leuten (Kandinsky etc), die ich anschaue, organisiere, mit anderen Werken vergleiche und kombiniere. Meine Doktorarbeit ist dabei mein eigenes Kunstwerk, ein großer komplexer Ball aus Eisendraht, mit einer komplizierten Geometrie aus Knotenpunkten und Verbindungen.
    An guten Tagen, spiele ich damit, zoome herein und heraus, verändere die Knoten, bastele neue Verbindungen.
    An Migräne-Tagen, unabhänging von der Kopfschmerzstärke, ist es wie wenn die gesamte Ausstellung geschlossen ist, alle Lichter sind aus, und mein Kunstwerk ist mit einer elastischen, undurchsichtigen Plane abgedeckt, die mit elastischen Seilen am Boden befestigt ist. Wenn ich versuche zu arbeiten, kann ich vielleicht mit Mühe das Seil an einer Ecke hochziehen, aber ich verwende meine ganze Anstrengung schon dafür, nur um einen winzigen Teil meines Kunstwerks zu sehen, und weil die Zusammenhänge dann alle nicht sichtbar sind, kann ich daran nichts wirklich arbeiten, weil ich nicht weiß, ob die neuen Verbindungen überhaupt irgendeinen Sinn machen. Und meist rutscht mir die Plane nach ein paar Sekunden wieder aus der Hand.

    Das klingt jetzt natürlich super metaphysisch und abgehoben, aber das ist der beste Vergleich der mir eingefallen ist.
    Vielleicht müsste ich meine Doktorarbeit als sehr starken internen Reiz sehen, und mein Gehirn will mich während Migräne davor schützen, so wie ich die Augen zukneife, wenn ich in die Sonne sehe?
    Wenn das alle paar Wochen mal so wäre – kein Problem. Aber wie soll ich denn meine Doktorarbeit schreiben, und das tun was ich liebe, wenn mein Gehirn mich die meisten Tage davon abblockt?

    Weißt du ob es Möglichkeiten gibt, sich zu desensibilisieren, um so was zu reduzieren? Oder sollte ich mal intensiv meditieren probieren, als Ausgleich? Oder könnte es sein, dass ich mein Gehirn länger überlastet habe, und dass die Migräne-Phasen quasi nur eine einzige lange Wiederauffüll-Phase sind? Um mit deinen Worten zu sprechen, dass ich meine Wassertonne komplett gefüllt habe, und jeder Löffel beim Entleeren eine Migräne ist?

    Sorry dass ich dich mit meinen metaphysischen Vergleichen so volltexte – es tut echt gut, die Gedanken mal loszuwerden, und von Wissenden zu hören, ob das Sinn macht, oder anderen Leuten auch so geht!
    Viele Grüße
    TRalla

    Bettina Frank – Admin
    Keymaster
    Beitragsanzahl: 28362

    Willkommen liebe TRalla und ja, ich verstehe Dich. 🙂

    Du hast das sehr schön und plastisch geschildert, wie die Migräne (eine Diagnose ist wahrscheinlich) Dich immer wieder stoppt und dir unfair im Wege steht. Kenne ich nur zu gut, hadere aber jetzt nicht mehr damit.