Regenbogen stellt sich verspätet vor

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  • alchemilla
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 4000

    Liebe Regenbogen,

    das, was du mir über die Verarbeitung von traumatisierenden Erlebnissen oder -entbehrungen geschrieben hast, habe ich durchaus genau so erlebt.
    Nur in Bezug auf die Migräne habe ich in der ganzen Zeit keinen direkten Einfluss erkennen können.
    Sie entwickelte sich unabhängig von allen psychologischen Bearbeitungen, so scheint es mir.

    Ich denke da eher an die Glaubenssätze und Überzeugungen, die man in der frühesten Entwicklung mitbekommen hat und die deswegen völlig unbewusst wirken und sich anfühlen, als wären sie natürlich wahr.
    Z.B. bei Entspannungsübungen, wo man äußerlich völlig entspannt zu sein scheint und innerlich vor Anspannung fast zerspringt, weil am immer gelernt hat, dass man nicht faul herumsitzen darf, wenn alle anderen fleißig arbeiten.
    Oder die unbewusste Überzeugung, dass man nur liebenswert ist, wenn man sehr tüchtig und erfolgreich ist.
    Oder die unbewusste Verbündung mit Mutter und Großmutter, die auch elend unter Migräne gelitten haben.

    Aber solche Dinge aufzulösen besteht darin, sich dieser Überzeugungen bewusst zu werden. Und nicht unbedingt, durch welche Familienkonstellationen und durch welchen Elternteil das nun gekommen ist.
    Diese unbewussten Überzeugungen verursachen einen enormen Druck.
    DER ist es, der die Energie raubt und die Enrgieversorgung im Gehirn überfordert.

    In der analytischen Therapie habe ich gelernt, dass ich Trauer und Angst empfinden darf ( war in der Familie ausgeschlossen) und dass ich Wut zeigen darf ohne dass es dann „etwas setzt“, wie zu Hause immer hieß.
    Aber ich habe auch „gelernt“, dass es „stinkeaggressiv“ sei, wenn ich für etwas stolz auf mich war.
    Sowas gibt es dann auch. In der Therapie. Neues Entwicklungstrauma.

    Wir hatten vor Jahren einmal eine Diskussion, wo es sehr um kindliche Missbrauchserfahrungen und um emotionale Vernachlässigung ging. Aber letztlich sind die Zusammenhänge zwischen der psychischen Heilung und der Migräneantwort zu verzwickt und alles andere als linear und klar nachvollziehbar. Deshalb haben wenige, wenn überhaupt, von diesen Berichten irgendwie profitiert.
    Darum endete die Diskussion auch wieder.
    In so einem Forum kann man meines Erachtens nicht so in die Tiefe gehen, wie es nötig wäre.

    Liebe Grüße
    alchemilla

    Julia
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 7660

    Hallo, liebe Regenbogen.

    Wunderbar, dass es dir jetzt so viel besser.

    Ich habe jetzt alle Beiträge zu deinem Thema gelesen und überdacht. Und während des Lesens stellte ich erstaunt fest, dass sich mein greises Haupt schüttelte.

    Ich selbst bin im extrem kalten Januar 1948 geboren, also wohl in einer, auch erziehungstechnisch, sehr schwierigen Zeit, denn die Erwachsenen waren mit dem Überleben beschäftig, und Kinder spielten wohl insgesamt nicht die ganz große Rolle, die es zum Teil heute gibt. Ich hatte meine Migräne schon, bevor die große Erziehung losging, und kann auch kein schwerwiegendes Trauma bei mir sehen.

    Sicher gab es Traumata mehr als genug, auch für die damals kleinen Menschen, egal, ob mit Migräneveranlagung oder nicht. Aber… gab es denn überhaupt in der Geschichte der Menschheit (und der unserer Vorfahren, der Affen, die ja auch Kindererziehung betreiben) jemals die perfekte, also absolut nichttraumatische Erziehung? Ich bin mir sicher: nein, denn Menschen sind nicht fehlerfrei, ob mit oder ohne Migräneveranlagung in der Familie. Und da es wohl schon solange die Migräne gibt, wie uns Menschen, denke ich, wären die Migräniker ganz sicher inzwischen der Evolution zum Opfer gefallen.

    Ganz sicher sind schwere Traumata, ob in der Kindheit oder im späteren Leben, eine enorme Belastung mit Folgen, die psychiatrisch untersucht und behanhdelt werden müssen, aber daraus jetzt etwas für Migräniker Spezifisches machen zu sollen/wollen…? Ich weiß nicht, kommt mir ein bisschen so vor, wie die ja allgemein aus den USA rüberschwappende Psychowelle.

    Ich denke, eine normale liebevolle Erziehung durch normale, also nicht superperfekte, Eltern hinterlässt ganz sicher Spuren, aber ob man da als Migräniker jetzt auf die Suche gehen muss? Wäre m.E. schon deshalb nicht ratsam, weil man dann aufgrund des Psychiatermangels schnell unzufrieden und unglücklich werden könnte.
    Das sind meine Gedanken zu deinem Thema.

    Liebe Grüße und viel Freude mit deinem, warum auch immer jetz ruhigeren Kopf,
    Julia
    P.S. ich seh gerade alchemillas letzten Beitrag und kann mich in ganz vielen Punkten ihren Erfahrungen und Schlussfolgerungen anschließen, auch wenn ich die dank weniger dogmatischer Eltern doch deutlich schwächer machen musste. So war die Zeit nunmal, aber ob das meine Migräne verstärkt hat, ich glaube nicht. Dann müssten ja auch viele der heutigen Migräne- und Kopfachmerzkinder weniger belastet sein. Das sieht aber eher umgekehrt aus, denke ich.

    • Diese Antwort wurde geändert vor 1 month, 2 weeks von Julia.
    regenbogen68
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 1749

    Liebe Alchemilla,

    danke für deine offenen Worte. Ich denke, man muss auch nicht so in die Tiefe gehen.
    Es ist und bleibt ja ein Migräneforum.

    Alles, was du an Wandlungen abseits der Migräne beschreibst, erlebe ich auch so, allerdings erlebe ich es auch so, dass sich Glaubenssätze ganz Tief im Inneren verändern lassen.

    Mir war es ein Anliegen, das Thema hier einmal anzusprechen. Wer Migräniker ist, an eine Psychotherapie denkt und ahnt, dass in der Kindheit einiges nicht gut war, der könnte sich eine Therapieform suchen, die nicht körpferfern arbeitet, die auf Traumata ausgerichtet ist und tiefenpsychologisch orientiert ist. Und dann einfach schauen, was sich tut.

    regenbogen68
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 1749

    Liebe Julia,

    ich denke, eine normale liebevolle Erziehung durch normale, also nicht superperfekte, Eltern hinterlässt ganz sicher Spuren, aber ob man da als Migräniker jetzt auf die Suche gehen muss?

    Nein, liebe Julia, darum geht es nicht. Hier geht es um emotionalen Missbrauch, der tiefe Einschnitte hinterlassen kann und nicht um Eltern, die einfach nicht ganz perfekt sind (denn perfekte Eltern gibt es nicht).

    Und in keinem meiner Posts steht, dass Migräniker grundsätzlich in ihrer Vergangenheit nach Ursachen suchen sollen. Da kommt jetzt doch einiges durcheinander in der Nuancierung.

    Lies doch vielleicht noch meine Antwort auf Alchemillas Post oben.

    Julia
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 7660

    Ja, liebe Regenbogen, das kam bei mir dann wohl etwas anders an als von dir gemeint. Gut, dass wir hier so frei und offen diskutieren können. So kommen viele verschiedene Aspekte, die wichtig sein könnten, zur Sprache. Ist aber ja leider, wie immer, nur schriftlich und ohne Mimik und Gesten, die doch vieles besser erklären können.

    Bettina Frank – Admin
    Keymaster
    Beitragsanzahl: 28423

    Liebe Regenbogen,

    wir kennen uns ja schon lange (auch persönlich, was mich sehr freut) und ich bekomme daher schon lange Deinen „Kampf“ gegen die Migräne mit. Vor einiger Zeit mal wolltest Du komplett raus aus allen Migräne-Plattformen, da Du, wie Du mir mitgeteilt hattest, keine Migräne mehr hast. Damals dachte ich mir schon, dass da sicher noch was kommt und wollte Deine Euphorie nicht dämpfen. 🙂 Nun kommt dieses Thema und auch jetzt denkst Du, dass es DIE einzige Lösung für all Deine Probleme ist.

    Der Zusammenhang zwischen Kindheitstraumata und Migräne ist ein ganz, ganz großer.

    Nein! Das stimmt so definitiv nicht, daher wurde dieses Thema in Headbook gar nicht wirklich diskutiert. Hier kamen heute schon so viele wundervolle Beiträge zusammen und ich kann mich nur anschließen, dass Kindheitstraumata diverse Probleme und Störungen nach sich ziehen können – auch somatische. Traumen aus der Kindheit werden schon lange als schwer behindernder Start ins Leben gesehen, mit dessen Folgen man bis zu seinem Tod zu kämpfen hat. Der eine mehr, der andere weniger.

    Auch darfst Du nicht außer Acht lassen, dass die Menschen unterschiedlich gut oder schlecht mit Resilienz ausgestattet sind. Was den einen komplett zerbricht, belastet den anderen nur mäßig. Unter Migräne leiden auch Menschen, die eine ausgesprochen gute Kindheit hatten. Diese neurologische Erkrankung ist genetisch bedingt und nur das ist die Ursache – keine Traumen oder sonstigen Lasten aus der Kindheit.

    Aber – hatte man schwere Verletzungen in der Kindheit erlitten, kann sich dies widerspiegeln in diversen Symptomen. Das weiß man schon lange und mit diesem Wissen arbeiten Fachleute sehr erfolgreich. Die Beurteilung und Wertung von Schmerzen sind dann anders und werden daher unterschiedlich stark „erlebt“.

    Für Dich kann ich mir vorstellen, dass Du jetzt erleichtert bist, endlich, nach so langer Zeit, den wahren Schuldigen gefunden zu haben: Deine traumatisch verlaufene Kindheit.

    Nur auf die Migräne bezogen ist das meiner Meinung nach ein weiterer Irrweg. Für Dein Seelenheil ist es aber sicher gut, Dich tiefenpsychologisch oder wie auch immer mit den Narben aus Deiner Vergangenheit zu beschäftigen und aufzuarbeiten, was es aufzuarbeiten gibt.

    Doch auch hier zeigt sich wieder, wie unterschiedlich Menschen sind. Ich hatte auch alles andere als eine glückliche Kindheit und trage sicher auch mein Leben lang daran. Aber mir dürftest Du mit Psychologen & Co. gar nicht ankommen. 😉 Sicher habe ich lange gebraucht, damit adäquat umzugehen, aber es ist mir gelungen. So sehr gelungen, dass ich meinen damals noch viel zu jungen und zur Elternschaft völlig unfähigen Eltern ihre Fehler nachsehen und daher mit mir selbst meinen Frieden machen konnte. Und selbst die Fehler, die nicht mit ihrer Jugend erklärt werden konnten, habe ich irgendwie einordnen können.

    Die Migräne blieb mir unverändert erhalten.

    Auch Deine Migräne wird wiederkommen, da bin ich mir leider ganz sicher. Vorsicht, Küchenpsychologie!! 😜 Du bist jetzt in einer Art Rausch der Glückseligkeit, dem vermeintlichen Übeltäter für Deine schwer belastende Migräne auf die Schliche gekommen zu sein. Dadurch wird ein sehr mächtiger Placeboeffekt generiert, der Dich hoffentlich eine längere Zeit schmerzfrei sein lässt. Ich wünsche es Dir wirklich von 💞. Aber diese neurologische Schmerzerkrankung streifst Du nicht ab. Nicht durch Psychotherapie, nicht durch die Wechseljahre und auch nicht durch ein Wundermittel (was auch immer das gerade sein kann). Erst mit zunehmendem Alter kann sie sich nach und nach verabschieden. Wenn das Gehirn nicht mehr so flexibel ist, nicht mehr so aktiv und nicht mehr so schnell auf jeden Reiz anspringt.

    Dir alles Liebe und einfach eine gute Zeit.

    Liebe Grüße
    Bettina

    sternchen
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 4647

    Liebe Regenbogen,

    ja klar, sorry, das Erlebnistraum war wirklich nicht bewußt so gewählt. Ich würde ein Trauma niemals so runterspielen. Weiß selbst, wie schwer es sich auswirken kann. Also entschuldige bitte vielmals. Natürlich sollte es Entwicklungstrauma heißen.

    Liebe Grüße
    Sternchen