Schmerzverlauf Petra

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  • sternchen
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    Hallo alle zusammen,
    vor einer geraumen Weile habe ich diese Seite entdeckt. Zum Glück!
    Auch wenn ich nur sehr unregelmäßig hier bin, ist es dennoch ein gutes Gefühl, die Erfahrungen anderer Betroffener zu lesen.
    Das Gefühl, weder allein mit der Problematik zu sein, noch sich was einzubilden, ist schon sehr hilfreich.
    Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann Migräne bei mir zum ersten Mal Thema wurde. Jetzt bin ich 47 Jahre alt und irgendwo in der Pubertät hat das ganze wohl seinen Ursprung. Aber genau, könnte ich das gar nicht mehr sagen.
    Lange Zeit hatte ich eben “furchtbare Kopfschmerzen”, Migräne, dachte ich, haben andere.
    Ich kannte das nur von einer Tante, die dann immer aschfahl und sterbenskrank war, sich zurück zog und wir Kinder haben dann möglichst das Weite gesucht, um sie nicht zu belasten.
    Migräne passte eigentlich auch überhaupt nicht in mein Selbstbild:
    Ich habe schon in der Schulzeit den Drang gehabt, immer ein bisschen mehr zu schaffen.
    Für das Abitur habe ich mit Sondergenehmigung ein Fach zusätzlich erstritten, weil ich sowohl Geschichte, Politik und Sozialwissenschaften im Abitur haben wollte. Die Kombination gab es an einem naturwissenschaftlich orientierten Gymnasium leider nicht.
    Während des Studiums habe ich nebenher gearbeitet.
    Nach dem Studium habe ich zunächst auf Honorarbasis gearbeitet und daneben ein zusätzliches Wirtschaftsstudium absolviert bis ich die Stelle in der Europäischen Kommission bekam, die ich wollte.
    Nach der EU-Zeit habe ich in einer Kanzlei in Dresden gearbeitet und daneben für einen Mandanten in Geschäftsführungseigenschaft eine GmbH gegründet. Als das Projekt abgeschlossen war, habe ich eine Stelle in Augsburg als Verlagsleitung in einem Fachbuchverlag angenommen und daneben die Ausbildung im Rettungsdienst gemacht.
    Da wurde ich zum ersten Mal mit den eigenen Grenzen konfrontiert.
    Mit den Erscheinungen eines Schlaganfalls bin ich zum ersten Mal für länger ausgefallen.
    Das, was ich als “schwere Kopfschmerzen” klassifiziert habe, nahm in diesen Jahren immer weiter zu.
    Der Begriff “Migräne” fiel dabei das erste Mal in der Vogelsbergklinik, einer Psychosomatischen Klinik in Hessen, in die ich seinerzeit kam.
    Die 6 Wochen dort haben mir damals schon gut getan.
    Ich habe ein bisschen besser verstanden, wie ich so “ticke”. Aber noch weit entfernt, von den Erkenntnissen, die ich bis hierher gewonnen habe.
    Nach dem Klinikaufenthalt damals, habe ich für mich entschieden, dass die Arbeit in einem Team für mich besser ist, als die Arbeit als “Einzelkämpfer”.
    Der Rettungsdienst macht mir viel Spaß. Die Zeit, die ich für die Ausbildung im Zentralklinikum Augsburg verbrachte, hat mir gezeigt, dass ich im Gesundheitswesen gut aufgehoben bin.
    Also habe ich damals alles auf eine Karte gesetzt und den Beruf gewechselt.
    2004 habe ich dann die Ausbildung zur Krankenschwester angefangen und 2007 beendet.
    Seitdem habe ich in der Urologie an jetzt 3 verschiedenen Kliniken gearbeitet.
    Eine Weile waren auch die Migräneattacken seltener bzw. weniger heftig.
    Ich denke, es tut mir ganz gut, dass ich nach einem guten Dienst und einer guter Übergabe an die Kollegen, jetzt abschalten kann. Vorher habe ich meine Arbeit immer mit nach Hause genommen.
    Seit dem Tod meines Vaters 2010 sind die Migränen wieder häufiger bzw. heftiger.
    Im Grunde fing es bereits mehrere Monate vorher an, wieder schlimmer zu werden:
    2009 bin ich zurück in die Nähe meiner Eltern gezogen, weil mein Vater an Leukämie erkrankt war und ich die Zeit, die uns noch bleibt, nutzen wollte.
    In ungefähr 50 km Entfernung habe ich eine Stelle in einem großen Krankenhaus gekriegt.
    Kurz darauf kam mein Vater in sehr schlechtem Zustand in Krankenhaus und nicht wieder heraus.
    Damals fuhr ich täglich vor oder nach dem Dienst zu ihm nach Duisburg ins Krankenhaus, manchmal habe ich bei ihm dort geschlafen, wenn er zu unruhig oder verwirrt war.
    Im Sommer 2010 war klar, dass sein zustand sich nicht mehr verbessern kann. Meine beiden älteren Brüder wollten sich an keinen Entscheidungen beteiligen. Meine Mutter fühlte sich hilflos und vertraute darauf, dass ich aus meinem Beruf heraus, wüsste, was das richtige ist.
    Ich entschied in Absprache mit ihr, dass wir auf künstliche Nahrung, Dialyse oder Operation verzichten. Wir entschieden uns für die Prämissen: Schmerzfrei, Angstfrei, weder Hunger noch Durst.
    Mit Morphinperfusor starb mein Vater 2 Tage nach Einstellung aller Therapien.
    Am Tag der Beerdigung sagte einer meiner Brüder: “Wenn Du nicht wärest, dann würden wir jetzt nicht hier sitzen”.
    Er war hilflos, das war ich auch, ich nehme es ihm nicht (mehr) übel.
    Ich selbst spreche mich nicht frei davon, immer wieder zu denken, ich könnte irgend etwas übersehen haben, vielleicht eine Chance abgekürzt….
    Zu der Zeit wurden unsere Arbeitsbedingungen in der Klinik extrem angehoben. Bei 39 Patienten auf einer operativen Station haben wir bei im Schnitt 12 Operationen mit Nachsorge pro Tag, vormittags zu dritt, nachmittags zu zweit und nachts allein gearbeitet.
    Zudem fuhr ich nach Papas Tod noch lange jeden Tag zu meiner Mutter nach Hause, weil ich das Gefühl hatte, sie nicht allein lassen zu dürfen oder zu können. sie hat das ja nicht verlangt.
    In der Zeit wuchsen die Attacken auf 3-4 Attacken pro Woche an. anfänglich konnte ich mit Schmerzmitteln und Antiemetika noch arbeiten.
    Doch ging mir die Arbeit immer schlechter von der Hand. Zudem fühlte ich mich eigentlich nur noch hohl.
    Irgendwann wurde mir alles so sehr zu viel, die Attacken so häufig und so heftig, dass ich ein Jahr nach dem Tod meines Vaters versucht habe, mit dem Auto vor einen Brückenpfeiler zu fahren.
    Am Tag darauf kam ich für ca. 3 Monate ins Alexianer- Krankenhaus in Krefeld, ebenfalls eine Psychosomatische Klinik.
    Dort wurde zum einen die psychische Situation aber auch intensiv die Schmerzsituation beleuchtet.
    Eine Weile haben wir – leider mit wenig Erfolg – mit Betablockern eine Prophylaxe versucht. Nächster – leider auch nicht so erfolgreiche – Prophylaxeversuch lief mit einem Antiepileptikum.
    mit Triptanen hatte ich bedingt Erfolg.
    Derzeit nutze ich im akuten Fällen Novalgin gegen Schmerzen und Vomex gegen die Übelkeit. In schwereren Fällen greife ich zu Valoron und Vomex.
    In diesen schwereren Attacken ist an Arbeiten auch nicht mehr zu denken.
    Dann hilft nur noch Rückzug, Verdunkelung, möglichst keine Geräusche.
    In diesen schlimmen Phasen ist es mir oft nicht möglich, zu laufen, dann krieche ich durch die Wohnung und lebe in einem recht engen Radius rund um das Badezimmer.
    Derzeit treffen mich diese richtig heftigen Attacken 2 – 3 Mal im Monat.
    Einschließlich leichterer Attacken komme ich im Monat im Schnitt auf 7 – 8 Attacken.
    Ich habe zwischenzeitlich versucht, meine Ernährung zu verändern, weil ich von einer Kollegin erfuhr, dass sie weniger Anfälle hat, seit sie vegan lebt. Hat mir selbst nicht geholfen. Aber ich achte darauf, mich vielseitig, mit viel Gemüse und Obst zu ernähren.
    Joggen ist weniger hilfreich, schwimmen nützt mir – glaub ich – eher.
    Nach all dem, was ich nun so von mir erzählt habe, würde mich natürlich interessieren, wie ihr mit den Attacken umgeht, ob ihr mit Sportarten besonders gute Erfahrungen gemacht habt…..
    Ich freue mich über jede Information, jede Erfahrung, jeden Tipp und jede Äußerung, die ich hier erhalte.
    Ganz lieben Dank für´s “Zuhören”…..
    Petra

    sternchen
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 4628

    Liebe Petra,

    ich habe Deinen Beitrag nun hierhin kopiert, damit er erhalten bleibt.

    Hier ist es nun auch möglich zu antworten.

    Bitte schreibe zu Deiner Geschichte nur hier weiter.

    Lieber Gruß
    Sternchen

    Ulrike
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 3392

    Liebe Petra,

    ganz herzlich willkommen im headbook! 🙂
    Wie schön, daß du zu uns gefunden hast.

    Du hast sehr schwierige Zeiten durchgemacht und Gott sei Dank gerade noch rechtzeitig Hilfe erhalten.

    Bist du denn bei einem Neurologen in Behandlung?
    Außer den beiden genannten Prophylaxemitteln gibt es noch eine Reihe weiterer Medikamente , die eingesetzt werden können. Da ist also noch Spielraum da.

    Was meinst du mit „bedingtem“ Erfolg bei Triptanen? Triptan sind ja DAS Mittel der Wahl bei Migräne und es gibt 7 verschiedene Arten. Bei den meisten wirkt eines oder auch mehrere.
    War bei dir die Wirkung nicht ausreichend oder hattest du nichttolerable Nebenwirkungen?

    Bei den Sportarten liegst du mit Schwimmen ganz richtig. Walken geht auch oder moderates Fahrradfahren. Alle Sportarten, die den Blutdruck nicht zu stark nach oben treiben.

    Ich grüße dich herzlich
    Ulrike

    Anouk
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 296

    Liebe Petra,

    auch von mir ein herzliches Willkommen!
    In einigen Teilen deiner Erzählung erkenne ich mich selbst wieder. Immer auf der Überholspur, immer Vollgas, immer mehr Leistung bringen als die anderen, immer nach neuen Herausforderungen suchen.

    Irgendwie scheint das einige Migräniker auszuzeichnen. Aber irgendwann sagt der Körper einfach „Stopp“!
    Ich bin derzeit krankgeschrieben und mache… gar nichts, außer meine Attacken durchstehen und wieder zu mir selbst finden. Und ich gehe plötzlich ganz langsam durchs Leben, wo ich früher immer im Stechschritt unterwegs war.

    Aber nun zu dir.
    Wie gut, dass du dabei bist, Hilfe zu bekommen. Ich schließe mich Ulrike an, es gibt mehrere verschiedene Triptane und bei den einen wirken die einen besser als bei den anderen. Ich glaube nicht, dass du schon alle durchprobiert hast. Man kann die Wirkung auch beispielsweise mit einer Naproxen verlängern und verstärken. Besprich das mal mit deinem Arzt!

    Auch bei den Prophalyxen ist viel Geduld gefragt. Betablocker haben bei mir auch nichts gebracht. Flunarizin hat auch keine Wirkung gezeigt. Jetzt probiere ich gerade die dritte Prophylaxe (Antidepressivum) und zumindest meine Stimmung hat sich bereits verbessert. 🙂 Ob das Mittel am Ende die richtige Prophylaxe für mich ist, muss sich erst noch zeigen. Vielleicht muss ich noch andere ausprobieren.

    Mehr auf die Ernährung zu achten ist schonmal ein guter Weg, vor allem der Verzicht auf industrielle Zusatzstoffe, die in Fertignahrung zu finden sind. Zwischendurch Sport zu treiben ist auch gut, wobei du dich dabei nicht zu sehr verausgaben solltest. Achte auf die Grenzen, die dein Körper dir aufzeigt und versuche nicht, diese zu überschreiten!

    Falls deine Migräne vor allem in den frühen Morgenstunden auftritt, iss abends eine Scheibe Schwarzbrot vor dem Schlafen, damit dein Blutzuckerspiegel nicht zu sehr absackt.
    Du kannst auch Magnesium als ergänzende Prophylaxe ausprobieren.

    Wie sieht es bei dir als Krankenschwester mit Schichtdienst aus? Kannst du das irgendwie umgehen? Die Einhaltung eines möglichst regelmäßigen Schlaf-/Wachrhythmus ist auch eine häufige Empfehlung für Migräniker.

    Du hast wahrscheinlich auch schon erkannt, dass es nicht DIE Lösung oder gar eine Heilung geben wird. Die Migräne ist Teil deines Lebens und wird es bleiben. Aber du kannst durch Medikamente, deine Lebensweise und dein Verhalten viel dazu beitragen, dass sie dich so wenig wie möglich quält und du die nicht vermeidbaren Attacken besser überstehst.

    Bei vielen sieht ihr persönlicher Weg nach einer langjährigen Therapie und oft auch einem Aufenthalt in Kiel so aus, dass sie an vielen kleinen Schräubchen in ihrem Leben drehen und irgendwann tritt eine deutliche Besserung ein.

    Ich drücke dir die Daumen, dass es bei dir bald besser wird!

    Alles Liebe
    Anouk

    glückdererde
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    Beitragsanzahl: 514

    Liebe Petra,

    auch von mir ein herzliches Willkommen hier im Headbook.

    Ulrike hat Dir ja schon einiges geschrieben, das Du noch versuchen könntest. Ich möchte Dir noch ein paar Dinge ans Herz legen:

    Es gibt keine Heilung in Bezug auf Migräne, aber es gibt die Möglichkeit der Linderung und Reduzierung der Kopfschmerztage. Ein wichtiges Werkzeug dabei ist aus meiner Sicht ein möglichst breites Wissen um die Zusammenhänge und Entstehungsbedingungen der Kopfschmerzen sowie der Prophylaxemöglichkeiten und Akutmedikation.

    Hier wird häufig das Buch von Prof. Göbel: ‚Erfolgreich gegen Kopfschmerz und Migräne‘ empfohlen. Dies sicher nicht, weil jemand dafür Bonuspunkte bekommen würde, sondern einfach nur weil es gut ist und hilfreich. Zumal bist Du ja auch noch vom Fach, so dass Du mit vielen der Inhalte wohl besonders viel wirst anfangen können.

    Wenn ich es nicht überlesen habe, schreibst Du nichts über Entspannungsverfahren die Du anwendest. Ich weiss, dass Entspannungsverfahren viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber ich halte sie für sehr sinnvoll. Ich habe auch die diesbezügliche Forschungsliteratur der letzten Jahre verfolgt. Ganz grob gesagt kann man sagen, dass Sport (den Du machst) und geeignete Entspannungsverfahren GENAUSO VIEL wert sind, wie medikamentöse Prophylaxen, was chronischen Schmerz insgesamt angeht. Zudem sind sie weitgehend frei von schädlichen Nebenwirkungen.
    Wenn ich mir Dein in Deinem Beitrag geschildertes Lebenstempo vor Augen führe könntest Du eventuell besonders viel von Entspannungsverfahren profitieren.

    Als letztes möchte ich noch ansprechen, dass Du zweimal auf positive Erfahrungen in psychosomatischen Kliniken hinweist. Eventuell könntest Du von einer längerfristigen Psychotherapie bei einem geeigneten Therapeuten/in noch mehr profitieren um die doch auch erheblichen Belastungen, die Du familiär erlebst und die Auswirkungen auf Deine Migräne haben noch besser verarbeiten zu können.

    Liebe Grüße

    glückdererde

    Bettina Frank – Admin
    Keymaster
    Beitragsanzahl: 28241

    Herzlich willkommen, liebe Petra. 🙂

    Sternchen war so lieb, den Beitrag hier für Dich einzustellen. Nun erscheint er aber halt leider unter Sternchens Namen, das ist nicht anders machbar. Ich schicke Dir den Link zum Thread gleich nochmals als PN, damit Du weißt, wo Du jetzt antworten kannst.

    Du bist halt eine typische Migränikerin, die alles gleichzeitig macht, sich verantwortlich fühlt und gut organisiert. Eine Zeitlang schafft man so ein Leben auf der Überholspur, aber irgendwann ist die Kraft zu Ende und der Körper sagt stopp. Bei Dir/uns halt mit Migräne und dann muss man ein wenig kürzer treten.

    Gute Tipps hast Du schon genug erhalten, ich würde auch noch gerne wissen wollen, warum Du keine Tripane einnimmst. Vor allem Imigran Injekt, der Autoinjektor, verhindert, dass Du kurze Runden ums Badezimmer drehen musst. 😉

    Liebe Grüße
    Bettina

    Petra
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 1

    Hallo Sternchen, hallo alle zusammen!
    Ich bin total überwältigt, über die Hilfsangebote und die Resonanz hier!!

    Liebe(r) Sternchen, erst einmal Dir ganz lieben Dank für die Mühe, die Du dir gemacht hast, mich bzw. meine Geschichte an die richtige Stelle zu setzen.

    Und allen zusammen, herzlichen Dank für Euer Interesse und die vielen Tipps.

    Ich versuche gerade, mit Hilfe von Bettina, herauszufinden, warum ich Euch nicht persönlich antworten kann.
    Auch habe ich festgestellt, dass ich Links hier nur erschwert oder gar nicht öffnen kann. Liebe Bettina, entschuldige, dass ich Dir damit gerade einen Haufen Arbeit mache. Das ist mir ziemlich unangenehm.

    Aber ich freu mich über alle Anteilnahme und wollte das zumindest schon mal sagen.

    Ganz, ganz lieben Dank!!!
    Petra

    sternchen
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 4628