Irreführende Schmerzmittel-Werbung

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  • heika
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    Weil dieser Punkt so wichtig ist, möchte ich es hier allgemein noch einmal aufführen:

    Unsere Migräneköpfe haben eine spezielle Veranlagung: Wir reagieren auf Reize aller Art intensiver. Migräne ist eine Reizverarbeitungsstörung im Gehirn, wir können Reize weniger gut ausblenden, filtern und abbauen.

    Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir Migränepatienten dies verstehen und unser Verhalten entsprechend anpassen:
    Kennen wir Reize, auf die wir sehr stark reagieren, z.B. grelles Sonnenlicht, flackernde Kerzen, starker Parfumduft, etc., werden wir öfter als andere eine Sonnenbrille tragen und auf Kerzen und Parfum vermutlich verzichten.

    Viele Reize können wir nicht verhindern oder vermindern, unseren Alltag müssen wir bewältigen. Doch wir können darauf achten, dass wir regelmäßige Ruhepausen einplanen, damit unser Gehirn zwischendurch immer mal wieder zur Ruhe kommen kann.

    Wir können uns unsere Hausarbeit einteilen, eine Wohnung muss nicht in zwei Stunden auf Hochglanz geschrubbt werden.
    Wir können verstärkt Prioritäten setzen, auch mal Dinge auf den anderen Tag verschieben.
    Diese Liste könnte man seitenweise fortsetzen und jeder von uns hat ja seine individuellen Schwachpunkte, die man/frau erkennen und angehen sollte.

    Unsere Werbung läuft leider völlig konträr zu dieser Erkenntnis, denn sie vermittelt uns ständig, dass wir nur ein Medikament einwerfen müssen, um dann so weiterleben zu können wie vor dem Schmerz und wie alle anderen gesunden Menschen, nämlich fit, unternehmungslustig, schmerzfrei und auf gar keinen Fall in irgendeiner Weise eingeschränkt.

    Da gibt es den Slogan: „XY schaltet den Schmerz ab. Schnell.“
    Oder: „Damit Kopfschmerzen sie nicht ausbremsen.“ Auf dem dazugehörigen Foto sieht man zwei junge Frauen, die auf zwei Achterbahnsitzen angeschnallt sind.
    Oder: Ältere Leute haben Arthrose- oder Rheumaschmerzen, werfen sich eine Tablette ein und gehen dann munter wandern, radfahren oder tollen mit den Enkeln herum.

    So etwas prägt unser Denken und das Denken über Schmerzen und Schmerzbeseitigung in unserer Gesellschaft.
    Von daher braucht es noch viel Aufklärungsarbeit durch Ärzte und betroffene Patienten, dass Migräne eben anders tickt. Wir müssen unsere Lebensgestaltung unseren Migräneköpfen anpassen und nicht unsere Migräneköpfe unserem erwünschten Lebensstil.

    In Watte packen sollten wir uns jedoch keineswegs! Man kann auch auf der anderen Seite des Pferdes herunterfallen und sich vor lauter Angst vor einer Migräneattacke unnötig im Leben einschränken und sich nichts mehr zutrauen.

    Suchen wir alle und ganz individuell den goldenen Mittelweg! ?
    Und das immer wieder und immer wieder – es ist ein fortlaufender Prozess… ?

    An dieser Stelle möchte ich noch betonen, dass die uns zur Verfügung stehenden Schmerzmittel und die Triptane ein Segen für uns Schmerzpatienten sind. Sie machen uns an schweren Schmerztagen unser Leben leichter, ermöglichen uns ein größeres Maß an Lebensqualität.
    Doch sie müssen mit Bedacht und maßvoll eingesetzt werden, damit sie ihre Funktion behalten und wir den Nutzen dauerhaft genießen können.

    Als grobe Richtlinie wurde daher die 10-/20-Regel eingeführt. Das heißt, dass an maximal 10 Tagen pro Monat ein Schmerzmittel/Triptan eingenommen werden sollte. Es zählten dabei die Tage der Einnahme, nicht die Anzahl der Tabletten.
    Individuell kann sich diese Grenze nach oben oder unten verschieben, für die meisten ist die 10-Tage-Regel optimal.

    Erleben wir in einer Migräneattacke die gute Wirkung eines Triptans bis hin zur Schmerzfreiheit, sollten wir trotzdem einen Gang zurückschalten und nicht genauso weiterpowern wie zuvor, denn die Attacke läuft ja trotzdem weiter.

    In der Werbung wird leider so getan, als könne man jederzeit und beliebig Tabletten verwenden. So ist schon mancher unwissende Schmerzpatient in einem MÜK gelandet oder hat seinen Organen geschadet.

    Liebe Grüße
    Heika

    • Dieses Thema wurde geändert vor 5 Monate, 2 Wochen von  heika.
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    Bettina Frank – Admin
    Keymaster
    Beitragsanzahl: 27907

    Danke, liebe Heika! Über diese Werbung ärgere ich mich auch immer wieder. Eigentlich sollte Werbung für Medikament komplett verboten werden. Sie suggeriert schnelle Hilfe von außen und man kann angeblich weitermachen wie gehabt. Aber ich wiederhole nur, was Du eh schon geschrieben hattest.

    Liebe Grüße
    bettina

    Don Jan
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 64

    Liebe Heika,
    vielen Dank für diesen super Text. Ich hebe ihn mir mal für diese ständig aufkeimenden Gespräche mit Mitmenschen auf, die meinen, dass jede Migräne gleich und jeder Pillenwurf erfolgreich sein müsste.
    Gruß, DonJan

    Daniela
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 672

    Liebe Heika,

    das hast du gut getroffen!

    Bei uns in der Regionalzeitung ist gerade (online) ein Artikel mit er Überschrift: „Die Spritze gegen Migräne“

    Ich warte nur drauf, dass mich alle ansprechen, warum ich die denn nicht nehme, dann wär doch alles gut…
    Ich verfolge die Erfahrungsberichte gespannt; aber momentan hab ich wenige Probleme und es gibt keinen Anlass meine Prophylaxe um zu stellen.

    Außenstehende können eben nicht nachvollziehen, dass es mit 1 Spritze nicht getan ist. Klar, wenn meine jetzige Prophylaxe mal nicht mehr wirkt, ist es schön zu wissen, dass man es mal probieren kann. Aber nicht alles was groß in der Presse oder im Fernsehen erscheint ist sofort für jeden zu empfehlen.

    Grüßle Daniela

    Anna
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 479

    Hallo Daniela,

    Du wartest noch, ich hatte das schon und obwohl ich ihr ausdrücklich versichert habe, dass ich bereits alles darüber weiß, hat es sich z.B. meine Mutter nicht nehmen lassen, mir den Artikel aus der Apothekerzeitung auszuschneiden. *seufz*
    Falls es vielleicht doch was anderes ist. *O-Ton*

    Das ist manchmal ganz schön anstrengend, aber wem erzähl ich das.

    LG Anna

    heika
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 5624

    Wenn ich in den letzten Wochen für jede Frage, ob ich denn schon von der neuen tollen Migränespritze gehört hätte, die ja scheinbar die Migräne zum Verschwinden bringen würde, und ob das denn nichts für mich sei, 100,-€ bekommen würde, wäre mir ein ausgiebiger Luxus-Urlaub bereits sicher. ? ?

    • Diese Antwort wurde geändert vor 5 Monate, 2 Wochen von  heika.
    Anna
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 479

    Und das auch noch ganz ohne Migräne Heika, dank Spritze! 🙂 🙂 🙂

    Daniela
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 672

    Naja ich war im Urlaub – weit weg von allen die mich nerven könnten. *g* Aber das kommt sicher noch.

    Anna
    Teilnehmer
    Beitragsanzahl: 479

    Das erklärt alles. 🙂 🙂 🙂

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