Fragen zum Schmerzgedächtnis im Zusammenhang mit Migräne

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  • Bettina Frank – Admin
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    Beitrag im vorigen Forum von Dr. Heinze, Schmerzklinik Kiel:

    Auf eine unbehandelte Migräneattacke folgt tendenziell eine längere beschwerdefreie Phase als auf eine behandelte Migräneattacke. Das Problem des Schmerzgedächtnis spielt hier keine Rolle. Wenn das nicht der Fall wäre, wie sollte man erklären, dass der größte Teil der Miränepatienten nach Jahrzehnten mit Migräneattacken im Alter dann beschwerdefrei ist! Haben die etwa das ganze Leid schon vergessen?
    Das Problem ist nur, wer will schon eine Migräneattacke unbehandelt ertragen?
    Unter stationären Bedingungen kan man die Medikamentenpause relativ gut begleiten, so daß die meisten Patienten sie auch gut durchstehen. Ambulant ist das viel schwerer zu erreichen.
    Viele Grüße
    Dr. A. Heinze, Schmerzklinik Kiel

    gabifrank
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    Ist mit Schmerzgedächtnis auch die Angst vor einer neuen Attackenwelle gemeint. Ich habe eine Kombination hauptsächlich aus Cluster, SUNCT, T.N., Spannungskopfschmerz und gelegentlich Migräne, unterschiedlich stark. Ich weiß oft nicht mehr weiter und ständig begleitet mich die Unruhe und Angst davor. Abzuschalten in den schmerzfreien Zeiten kann ich nicht. Auch Psychotherapie hift nicht, bereits mehrmals versucht, das verstärkt nur noch das Problem. Und damit wird die depressive Verstimmung nur noch schlimmer.
    L.G.
    Gabi

    Bettina Frank – Admin
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    Liebe Gabi, unter Dokumente habe ich einen Artikel von Prof. Göbel eingestellt, der die Entstehung des Schmerzgedächtnis sehr gut beschreibt. Psychische Faktoren scheinen schon auch mit reinzuspielen. Dass bei Dir die Angst ein vorherrschendes Thema ist, kann man nur zu gut nachvollziehen. Hier wurde ein Teufelskreis in Gang gesetzt worden, den man irgendwie durchbrechen müsste. Du hast Angst vor der nächsten Attacke und kannst Dich daher in schmerzfreien Zeiten auch nicht entspannen. Durch die dauernde Anspannung werden wieder erneut Schmerzen, welcher Art auch immer, getriggert. Das heißt also, dass Du nie zur Ruhe kommen kannst. Wichtig wäre in Deinem Fall sicher mal, dass Du ganz verlässlich wirkende Akutmedikamente hast. Das würde die Angst vor den Schmerzen etwas nehmen können. Hast Du denn eine Prophylaxe? Bist Du in guter ärztlicher Behandlung? Bei Deinen vielfältigen Schmerzformen brauchst Du einen sehr erfahrenen Behandler. Wieso verstärkt die Psychotherapie das Problem? Was läuft hier schief? Hast Du schon die verschiedensten Entspannungsverfahren ausprobiert? Viele Fragen, ich weiß, aber jedes Problem ist irgendwie zu lösen, oder zumindest zu verbessern. Liebe Grüße Bettina

    Bettina Frank – Admin
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    Liebe Gabi,

    habe nun gerade Deinen anderen Beitrag gelesen und erfahren, dass Du in Kiel in Behandlung bist. Damit erledigen sich natürlich einige meiner Fragen von selbst. 😉

    Liebe Grüße
    Bettina

    gabifrank
    Teilnehmer
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    Liebe Bettina, vielen Dank für deinen Beitrag.
    Ich habe inzwischen für Cluster Akutmedikamente (Sauerstoff und Imigran Inj.), Auch Stoßtherapie Cortison im Extremfall. T.N. Antiept. Lyrica, Spannungskopfschmerzen muss ich nach Möglichkeit aushalten, um Akutmed. zu sparen. Ein Entzug hat gereicht!!! Migräne Triptan, nur SUNCT ist ein Problem. bis zu 200 Attacken, die bis zu 2 Min dauern und vernichtend sind. Das über mehrere Wochen. Ich nehme dafür Lamotrigin, Antiep., probeweise seit 2008, aber langsam werde ich skeptisch. Die Angst vor den Attacken wirken nicht verstärkend, und es hilft bei SUNCT und Cluster, sowie bei T.N. kein Entspannungsverfahren, Akupunktur o.ä. Das habe ich alles schon hinter mir. Ich bin 1x/ Woche beim Joga, 1x/W Aquagym, 2x/W Nord. Walk. Das geht aber nur bei schmerzfreiheit!! Tiefenentspannung mache ich auch, und trotzdem bleibt die quälende Unruhe, Angst!! Gedächtnis ist darauf programmiert!!! Besserung nicht in Sicht. Die Psychotherapeutinnen war alle unheimlich lieb, daran lag es nicht. Es ist nur für mich ein Problem, darüber zu sprechen, nachzudenken. Es kommen dann sofort wieder Bilder, Erinerungen an ganz bestimmte Tage/Nächte, an Zeiten, wo ich noch keine entsprechenden Diagnosen und Medis hatte, das war die Hölle und hat in mir viel kaputt gemacht. Ich wollte mein Leben schon beenden, so schlimm war das.
    L.G. Gabi

    Bettina Frank – Admin
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    Liebe Gabi,

    Du machst ja schon sehr viel, um Deine Situation zu verbessern. Schaffst Du es denn, unter 10 Medikamenteneinnahmen pro Monat zu bleiben? Stelle ich mir bei Dir sehr schwierig vor.

    200 Attacken am Tag – und das über mehrere Wochen. 🙁 Das ist eine extreme Belastung. Hast Du ein Attackenmedikament für die SUNCT-Anfälle? Ist es bei SUNCT ähnlich wie bei Cluster, dass es längere beschwerdefreie Zeiten gibt? Hast Du denn mal Zeiten, in denen Du keine Schmerzen hast?

    Dass Du früher keinen Lebenswillen mehr hattest, verstehe ich nur zu gut. Dauerschmerzen zermürben und lassen keine Lebensfreude mehr zu. Wie gut, dass Du nun durch Deinen Aufenthalt in Kiel ein gutes Konzept für alle Deine Beschwerden bekommen hast. Vielleicht versuchst Du irgendwann doch nochmal eine Therapie, um die Situation auch psychisch besser verarbeiten zu können. Eventuell gibt es da ja doch noch Möglichkeiten, die Dir einiges erleichtern könnte?

    Mitfühlende Grüße
    Bettina

    Bettina Frank – Admin
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    Beitrag von Prof. Göbel zum Thema „Schmerzgedächtnis“:

    Das „Schmerzgedächtnis“ ist ein journalistischer Begriff. Er soll alle Vorgänge beschreiben, die bei der Entwicklung chronischer Schmerzen ein Rolle spielen. Es ist damit nicht ein Lernvorgang wie bei dem Lernen von Vokabeln gemeint.

    Bei der Entstehung von chronischen Schmerzerkrankungen (Schmerzgedächtnis) spielen viele Vorgänge eine Rolle, z.B. Entzündungen, Schmerzreflexe, Ausbreitung der Erregung, soziale und psychische Faktoren etc.

    Während beim biologischen Schmerz eine klare, zweigleisige und reizintensitätsabhängige Aktivierung von Nervenfasern beobachtet werden kann, trifft dies nicht mehr zu, wenn eine Gewebeverletzung vorliegt. Die Gewebeschädigung führt zur komplexen Phänomenologie des klinischen Schmerzes.

    Wir können vier Eigenschaften unterscheiden, die den klinischen Schmerz als pathologischen Schmerz charakterisieren:
    – Normalerweise nichtschmerzhafte Reize werden als schmerzhaft erlebt,
    – Schmerzreize bewirken eine übernormal große Schmerzintensität,
    – vorübergehende Schmerzreize rufen eine überdauernde Schmerzempfindung hervor und
    – Schmerzreize bedingen eine räumliche Ausbreitung von Schmerzen auf Körperregionen, die primär unbeschädigt waren.
    Die erkrankungsbedingten Mechanismen, die bei einer Gewebeschädigung zur Schmerzüberempfindlichkeit führen, werden mit einer übermäßigen, vergrößerten Erregbarkeit von Nervenfasern erklärt.

    Auch durch eine Gewebeverletzung kann eine bestimmte Gruppe von Nervenfasern erregt werden, die normalerweise völlig inaktiv ist. Da die aus den verschiedenen Körperorganen zum zentralen Nervensystem aufsteigenden Nerven generell mit dem Wort „Afferenzen“ bezeichnet werden, hat man diesen Nerven den Namen „schlafende Afferenzen“ gegeben.

    Eine weitere Erklärungsmöglichkeit ist, dass im Zentralnervensystem Erregungen missinterpretiert werden und „irrtümlich“ zu einem Schmerzerlebnis führen. Der Schmerz entsteht somit quasi als „Software- oder Datenverarbeitungsfehler“ im Gehirn.

    Die räumliche Ausbreitung von Schmerzen auf verschiedene Körperbereiche, die ursprünglich nicht von der Schädigung betroffen waren, kann durch Aktivierung von Reflexen oder durch Ausbreitung von Entzündungsstoffen erklärt werden. Dabei wird die Schmerzinformation von einem Ort zu einem anderen weiter getragen. Wir haben es hier mit einer Art „Kartenhauseffekt“ zu tun: Nimmt man an der einen Stelle eine Karte weg, hat das Auswirkungen für das gesamte Bauwerk.
    Auch einfache Rechenfehler, wie falsche Summationsvorgänge im Zentralnervensystem, können an der räumlichen Ausbreitung von Schmerzen beteiligt sein. Das Hirn rechnet die Informationen aus dem Körper falsch zusammen, und aufgrund der fehlerhaften Addition wird unserem Bewusstsein ein X für ein U vorgemacht, in diesem Falle ein Schmerzerlebnis anstelle eines nichtschmerzhaften Eindruckes.

    Für das abnorme, zeitliche Andauern von Schmerzen, also das chronische Bestehen der Schmerzen trotz Abklingen jeglicher Schmerzreizung, wird die Aktivierung von Nervenfasern durch chemische Botenstoffe verantwortlich gemacht. Durch zusätzliche fehlerhafte Verrechnung von Schmerzinformationen können vom Gehirn falsch interpretierte Erregungsmuster erzeugt werden, die den auslösenden Reiz lange überdauern können. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses. Der Schmerz unterhält sich selbst. Schmerz bewirkt immer mehr und länger andauernden Schmerz. Schmerzen auszuhalten ist daher keine Tugend. Wichtigste Maßnahme, um chronischen Schmerz die Grundlage zu nehmen, ist daher eine wirksame Schmerztherapie.

    Der Schmerz ist unter diesen Bedingungen als eigenständige Erkrankung entstanden. Die Suche nach der ursprünglichen Ursache bleibt erfolglos und ist unrealistisch. Die Behandlung muss sich deshalb auch auf die Bedingungen der Schmerzkrankheit beziehen.

    Die Vorgänge sind vergleichbar mit einer Bildstörung des Fernsehgerätes aufgrund gestörter Empfangsverhältnisse, z.B. bei einem Gewitter. Der Fernsehtechniker kann noch so genau nach einer Störung im Gerät suchen, er wird keine finden.

    Ähnlich ist die Situation bei primären Kopfschmerzerkrankungen. Der Aufbau des Gehirns ist regelrecht, aber trotzdem kann eine „Bildstörung“ durch Störung des Betriebssystems bestehen.

    Früher war die Meinung weit verbreitet, dass Kopfschmerzen zumeist durch übermäßige Muskelanspannung, durch Störungen der Halswirbelsäule oder durch Zug an Blutgefäßbindegewebe bei Blutdruckstörungen bedingt werden.

    Neuere Untersuchungen zur Entstehung von Kopfschmerzen zeigen, dass die häufigsten Kopfschmerzen ohne nachweisbare Störung auftreten, also nicht Symptom einer anderen fassbaren Erkrankung, sondern eigenständige Erkrankungen des Schmerzsinnessystems sind.

    Migräne unterscheidet sich von vielen anderen Schmerzerkrankungen dadurch, dass sie im zentralen Nervensystem direkt entsteht. Während z.B. bei Rückenschmerzen man das Gehirn durch dauerhafte Gabe von Schmerzmitteln vor Schmerz aus Sehnen und Muskeln schützt und damit die Chronifizierung oder das Schmerzgedächtnis vermeidet, funktioniert das bei Migräne nicht. Im Gegenteil: Schmerzen werden durch Dauergabe von Schmerzmitteln immer häufiger und nach einer Medikamentenpause weniger. Grund: Das „Betriebssystem des Schmerzgedächtnisses“ stellt die Störungsquelle dar, Migräne ist eine eigenständige Schmerzerkrankung, nicht ein Symptom einer anderen zugrundeliegenden Erkrankung.

    Bettina Frank – Admin
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    Beitrag von Prof. Göbel auf der Homepage Schmerzklinik.de

    Sind Sie ein Risikokandidat für Dauerkopfschmerz?

    Normalerweise warnt uns Schmerz vor Gefahren. Schmerz motiviert zur Schadensabwehr und dazu, gezieltes, sinnvolles Verhalten für die Heilung einzuleiten. Chronischer Schmerz hat diese sinnvollen Eigenschaften nicht. Er besteht oft, ohne dass ein Ursache zu finden ist. Auch k