Hallo zusammen,
ich danke euch für eure hilfreichen und inspirierenden Beiträge in diesem Forum und möchte heute von den Erfahrungen im Umgang mit meiner episodischen Migräne berichten.
Zur schnellen Orientierung hier die Kurversion:
Ungeklärte Kopfschmerzattacke vor zwei Jahren – Verdachtsdiagnose seltene Kopfschmerzerkrankung – Dauerkopfschmerz – neun Monate Krankschreibung – Wiedereingliederung – Aufenthalt in der Schmerzklinik Kiel – Diagnose MÜK und Migräne – Fortsetzung Wiedereingliederung – Stressreduktion, Meditation und Umstellung des Tagesablaufs – Computerarbeitsplatzbrille mit Blaulichtfilter – Rückkehr in Vollzeit.
Das Thema Kopfschmerzen war für mich in den vergangenen 12 Jahren immer mal wieder Thema, stand aber nicht im Vordergrund. Ich dachte, es handle sich um Kopfschmerzen vom Spannungstyp. Dachte ich. Vor zwei Jahren habe ich innerhalb von eineinhalb Tagen einen einseitigen Gesichtsschmerz mit Einschießungen und Druckschmerz und schließlich heftige Kopfschmerzen bekommen. Begleiterscheinungen waren ein tränendes Auge und Schnupfen.
Aufgrund der Art und Heftigkeit des Schmerzes habe ich einen Arzt aufgesucht, der mich zur weiteren Abklärung direkt ins Krankenhaus geschickt hat. Dort wurde ich stationär untersucht und nach fünf Tagen mit dem Verdacht auf eine seltene Kopfschmerzerkrankung (Hemicrania continua) entlassen. Die Heftigkeit der Kopfschmerzen nahm während des Krankenhausaufenthaltes etwas ab, die Kopfschmerzen dauerten jedoch an. Mit der Attacke wurde ich sehr geräusch- und lichtempfindlich. So konnte ich das Licht im Krankenhauszimmer an sonnigen Tagen nur mit Sonnenbrille ertragen und mein Smartphone und Tablet nicht mehr benutzen, da sofort heftige einseitige Stiche um das linke Auge eintraten. Die Geräusch- und Lichtempfindlichkeit nahmen nach Entlassung ab, die Lichtempfindlichkeit begleitet mich jedoch bis heute (dazu später mehr).
Ambulant wurde ich entsprechend der Verdachtsdiagnose behandelt. Eine eingeholte Zweitmeinung zu Verdachtsdiagnose und Therapie nach dem Krankenhausaufenthalt bestätigten diesen Weg. Nach ca. zwei Wochen stellte sich ein deutlich lokalisierbarer einseitiger Dauerkopfschmerz von leichter bis mittlerer Intensität ein. Er klang erst nach acht Monaten langsam ab.
Zwei Wochen nach der Attacke versuchte ich – zunächst aus dem Homeoffice – wieder zu arbeiten. Da ich meine Tätigkeiten zu 85 % am Bildschirm ausübe und die Kopfschmerzen dadurch wieder anstiegen, musste ich den Wiedereinstig in den Job abbrechen.
Aufgrund des Dauerkopfschmerzes wurde ich dann auf status migraenosus getestet. Der Test war negativ. Zur Schmerzdistanzierung versuchte ich auf ärztliche Empfehlung eine Therapie mit Antidepressiva (Amitriptylin), die ich jedoch aufgrund einer Panikattacke nach der ersten Einnahme abbrechen musste.
Mittlerweile waren zwei Monate vergangen. Meine Neurologin empfahlen mir dann zwecks weiterer Abklärung der Verdachtsdiagnose Kontakt mit der Schmerzklinik Kiel aufzunehmen. Für diese Empfehlung bin ich ihr im Rückblick immer noch sehr dankbar. In der Zeit von Mai bis zur Aufnahme im Oktober (eine vergleichsweise kurze Wartezeit) war ich weiter krankgeschrieben. Im Juli habe ich mithilfe einer Computerarbeitsplatzbrille einen zweiten Wiedereingliederungsversuch begonnen. Mein Arbeitgeber war während der gesamten Zeit meiner Krankschreibung sehr verständnisvoll und hat mich in der Phase der Wiedereingliederung mit allen ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten unterstützt. Bis zu meinem Aufenthalt in Kiel war ich bereits bei 30 Std./Woche angekommen. Und das mit Dauerkopfschmerzen!
Im Umgang mit dem Dauerkopfschmerz haben mir vor allem Progressive Muskelentspannung, Yoga, schöne Unternehmungen (im Rahmen des Möglichen), eine schmerzreduzierende Ernährung, die Unterstützung durch mein privates und berufliches Umfeld und viel Entspannung im Alltag und Geist geholfen.
In der Schmerzklinik wurde die Verdachtsdiagnose überprüft. Besonders spannend wurde es bei den Fragen in den Anamnesegesprächen zu meinen Kopfschmerzen vor erwähnter Attacke. Ich erzählte, dass ich seit zehn Jahren ca. zweimal Monat nach längeren Arbeitsbesprechungen oder einer längeren Bildschirmtätigkeit ohne Pausen/Nahrungsaufnahme einen dröhnenden Kopf bekomme. Langsam setzte sich das diagnostische Bild zusammen, die Diagnose lautete MÜK und Migräne. Mein vermeintlicher Kopfschmerz vom Spannungstyp stellte sich als Migräne heraus. Die Diagnosen bestätigten sich peu à peu, als ich nach dem Medikamentenentzug nach etwa einem Monate den ersten kopfschmerzfreien Tage hatte (Ich kann gar nicht beschreiben, glücklich mich das machte!) und nach zwei weiteren Monaten der Dauerkopfschmerz ganz verschwand. Es blieb die Migräne mit zunächst ca. zehn Schmerztagen. Ich behandle die Migräne seit Kiel mit Zolmitriptan (5 mg, Schmelztablette, Aufnahme schluckend mit Wasser, nicht schmelzend) und, wenn es leichte Schmerzphasen sind, mit Euminz-Öl. Damit komme ich mittlerweile gut zurecht.
Nach einem halben Jahr konnte ich meine Schmerztage mit einer Computerarbeitsplatzbrille mit Blaulichtfilter um mehr als die Hälfte auf 3 bis 4 Schmerztage/Monat reduzieren. Nach weiteren drei Monaten war es mir durch diese neue Brille möglich, meinen Job wieder in Vollzeit auszuüben. Aktuell hat sich das durch die pandemiebedingte Arbeiten im Homeoffice meine Bildschirmtätigkeit nochmal um 10 % auf 95 % erhöht, was mich aktuell an meine Belastungsgrenze bringt und meine Schmerztage wieder steigen ließ. Mein Wohlfühl-Stundenumfang im pandemiebedingten Homeoffice läge bei ca. 35 Std./Woche.
Was mir im Umgang mit der Migräne besonders hilft:
– ausgewogene Mahlzeiten (vegan) zu festen Uhrzeiten
– Computerarbeitsplatzbrille mit Blaulichtfilter
– Einstellung Night-Shift bzw. Dark Modus in allen Bildschirmen (PC, Tablet, Smartphone)
– Ausdauersport 3 x wöchentlich (Joggen, 30-45 Min.)
– Stressreduktion in allen Lebensbereichen
– Meditieren 2-3 x täglich (super für Pausen im Job)
– tägliche Yoga- und Achtsamkeitspraxis
– Kaffee/Espresso entweder mit Mahlzeit einnehmen oder mit 1 TL Zucker
Auch wenn es sich vielleicht widersprüchlich anhören mag – ich empfinde mein Leben mit Migräne trotz der damit verbundenen Belastungen auch als Bereicherung. Denn durch die Erkrankung habe ich viel über mich selbst gelernt. Ich nehme die Migräne als einen Kompass wahr, der mir hilft, verschiedene Lebensbereiche besser bewältigen zu können als früher. Zum Beispiel kann ich meinem Perfektionismus und Situationen der Rastlosigkeit heute besser entgegentreten als früher 😉 Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass sich die Migräne bei mir bisher in einer leichteren episodischen Form zeigt. Mal schauen, wie es weitergeht.
Schöne Ostertage euch und Allesliebe
Zinnie