Dies ist unsere Gruppe zum Migräne- und Kopfschmerz-Chat und sie funktioniert folgendermaßen: Um ca. 12:00 Uhr des jeweiligen Chat-Tages wird die Kommentar-Funktion aktiviert. Will man eine Frage eintragen, klickt man in das Fenster der Kommentarfunktion. Hat man eine Frage eingetragen, sieht man unter seinem Beitrag “Antworten”. Diese Antwortfunktion benutzt Prof. Göbel, um die Antwort auf die vorherige Frage einzustellen. Prof. Göbels Antwort ist dann ein wenig eingerückt und unterscheidet sich daher auch optisch von den Fragen. Sollte der Fragesteller zum selben Thema noch eine Folgefrage haben, bitte auch auf “Antworten” klicken – aber nur dann! Sonst bitte immer in das Kommentar-Fenster schreiben. Nach dem Chat wird die Kommentar-Funktion wieder deaktiviert bis zum nächsten Chat-Tag. Alle Fragen und Antworten bleiben in diesem Blog erhalten und bestimmte Themen können jederzeit mit der Such-Funktion wiedergefunden werden. Alle Aktionen werden am Chat-Tag auch auf der Startseite des Headbook aufscheinen.
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Beitrag von Schwimmer:
Lieber Herr Professor Göbel, ganz vielen Dank dass Sie sich für uns so einsetzen, auch politisch durch die aktuellen Gesetzesänderungen!
Ich hätte eine Frage zu langfristigem Gebrauch von Ajovy, zeitweise auch in Kombination mit Vydura. Kann dies besonders in Kombination zu vermehrten Darmproblemen (Trägheit, Dilatation) führen?
Ist bekannt, ob bei Injektion am Bauch beziehungsweise Injektion im Oberschenkel die Nebenwirkungen in Bezug auf die Darmtätigkeit unterschiedlich sind? Herzlichen Dank!
Lieber Schwimmer,
vielen Dank für Ihre freundlichen Worte. Es freut mich sehr, wenn unsere Arbeit Ihnen hilft.
Zu Ihrer Frage: Ja, ein Zusammenhang ist durchaus denkbar. CGRP ist nicht nur an der Entstehung der Migräne beteiligt, sondern spielt auch im Magen-Darm-Trakt eine wichtige Rolle. Es fördert unter anderem die Darmbeweglichkeit und die Sekretion. Wird das CGRP-System durch einen Antikörper wie Ajovy oder zusätzlich durch ein Gepant wie Vydura gehemmt, kann dies bei manchen Menschen zu einer verlangsamten Darmtätigkeit mit Verstopfung führen.
Unter Ajovy allein ist eine Verstopfung insgesamt eher selten und deutlich seltener als beispielsweise unter Erenumab (Aimovig). Durch die zusätzliche Einnahme eines Gepants kann die Hemmung des CGRP-Systems jedoch verstärkt werden, sodass bei entsprechend veranlagten Personen Darmbeschwerden durchaus zunehmen können. Eine ausgeprägte Dilatation des Darms ist allerdings keine typische oder erwartete Nebenwirkung und sollte unabhängig davon gastroenterologisch abgeklärt werden.
Die Wahl der Injektionsstelle – Bauch, Oberschenkel oder Oberarm – hat nach dem heutigen Wissensstand keinen relevanten Einfluss auf solche systemischen Nebenwirkungen. Nach der Aufnahme gelangt der Antikörper in den Blutkreislauf und verteilt sich im gesamten Körper. Unterschiede betreffen allenfalls lokale Reaktionen an der Einstichstelle, nicht aber die Wirkung auf den Darm.
Falls die Darmträgheit ausgeprägt ist, würde ich dies unbedingt mit Ihrem behandelnden Neurologen besprechen. Manchmal kann bereits eine Anpassung der Begleitmedikation oder – falls medizinisch sinnvoll – eine Änderung der Migräneprophylaxe zu einer deutlichen Besserung führen.
Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Guten Tag Herr Prof. Göbel, vielen Dank für Ihre Zeit.
Ich hatte vor drei Jahren eine Fuß-OP und daraufhin ein CRPS entwickelt (Schmerzen bei Belastung, Nadelstiche, brennen, Berührungsempfindlichkeit). Zum OP-Zeitpunkt hatte ich bereits über 20 Jahre chronische Migräne (ca. 25 Tage/Monat). Besteht zwischen CRPS und Migräne ein Zusammenhang, da es sich ja auch um eine neurologische Schmerzerkrankung handelt? Seit Dezember 25 nehme ich Atogepant und mir geht es insgesamt besser, habe aber immer noch chronische Migräne. Das CRPS ist jetz seit ca. 1 Jahr unverändert.
Ich war mehrmals zur multimodalen Schmerztherapie (zwar wegen Migräne und nicht speziell für den Fuß), aber die Inhalte bei chronischen Schmerzen sind ja eigentlich gleich. Die Leitlinie zu CRPS hab ich „abgearbeitet“. Leider kann ich keinen Schritt gehen, ohne an den Fuß zu denken. Ich bin einfach ein wenig ratlos…vielleicht haben Sie einen Tipp.
Vielen Dank Zimt
Liebe Zimt,
vielen Dank für Ihre interessante Frage.
Migräne und das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) sind unterschiedliche Erkrankungen. Dennoch gibt es durchaus Gemeinsamkeiten. Beide gehen mit einer erhöhten Empfindlichkeit des Nervensystems einher. Das Gehirn verarbeitet Schmerzreize verstärkt und es kommt zu Veränderungen der Schmerzmodulation, der zentralen Sensibilisierung und der neuronalen Vernetzung.
Menschen mit Migräne scheinen insgesamt etwas anfälliger für andere chronische Schmerzerkrankungen zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass die Migräne das CRPS verursacht hat oder umgekehrt. Wahrscheinlich besteht eine gemeinsame biologische Veranlagung zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit.
Was Sie beschreiben – dass Sie keinen Schritt machen können, ohne an den Fuß zu denken – ist ein typisches Merkmal chronischer Schmerzprozesse. Das Gehirn richtet seine Aufmerksamkeit ständig auf die schmerzende Körperregion. Dadurch wird das Schmerznetzwerk immer wieder aktiviert. Das ist kein psychisches Problem, sondern eine normale Reaktion eines Nervensystems, das gelernt hat, Schmerz ständig zu erwarten.
Gerade deshalb ist die multimodale Schmerztherapie sinnvoll. Ziel ist nicht nur eine Verringerung der Schmerzen, sondern vor allem, dass der Fuß wieder selbstverständlich Teil des Körpers wird und nicht ständig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Dieser Prozess benötigt leider oft viel Geduld.
Da sich Ihr CRPS seit einem Jahr nicht verändert hat, würde ich zusätzlich prüfen lassen, ob weiterhin alle diagnostischen Kriterien eines aktiven CRPS erfüllt sind oder ob inzwischen eher ein chronischer neuropathischer Schmerz im Vordergrund steht. Davon kann die weitere Behandlung abhängen.
Ich wünsche Ihnen sehr, dass sich sowohl die Migräne als auch die Schmerzen im Fuß weiter bessern.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Lieber Herr Prof. Göbel,
ich habe zwei Fragen.
1. Wie ist es zu erklären, dass die gute Wirkung der Gepante bei vielen Patienten nach einiger Zeit nachlässt? Ich meine damit nicht nach einem möglichen Placeboeffekt in einer gewissen Anfangszeit, sondern nach etlichen Monaten oder noch länger.
2. Mir ist noch nicht ganz klar, wie sich die Antikörper und Gepante in der Wirkungsweise unterscheiden. Es wäre nett, wenn Sie uns das kurz erklären würden.
Und danke für alles. Ich war im letzten Jahr stationär in der Schmerzklinik Kiel, es war klasse und sehr hilfrech.
Freundliche Grüße
Heika
Liebe Heika,
vielen Dank für Ihre beiden sehr spannenden Fragen.
Zu 1:
Viele Patientinnen und Patienten berichten tatsächlich, dass eine zunächst sehr gute Wirkung nach Monaten geringer wird. Wissenschaftlich ist dieses Phänomen bisher noch nicht ausreichend erklärt. In den Studien bleibt die durchschnittliche Wirksamkeit über längere Zeit weitgehend erhalten. Im Alltag sehen wir jedoch durchaus individuelle Verläufe.
Dafür kommen mehrere Ursachen infrage. Die Erkrankung selbst verändert sich im Laufe der Zeit, hormonelle Einflüsse, Stress oder andere Erkrankungen können hinzukommen. Außerdem ist CGRP nur einer von vielen Botenstoffen der Migräne. Mit der Zeit können andere Mechanismen stärker in den Vordergrund treten. Von einer echten Gewöhnung im klassischen Sinn gehen wir nach dem heutigen Kenntnisstand eher nicht aus.
Zu 2:
Beide Medikamentengruppen greifen am CGRP-System an, allerdings auf unterschiedliche Weise.
Die monoklonalen Antikörper sind große Eiweißmoleküle. Sie werden gespritzt und verbleiben mehrere Wochen im Körper. Je nach Präparat binden sie entweder den CGRP-Botenstoff selbst oder seinen Rezeptor und verhindern dadurch dauerhaft die Signalübertragung.
Gepante sind kleine Moleküle in Tablettenform. Sie blockieren den CGRP-Rezeptor direkt, wirken rasch und werden innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen wieder abgebaut. Dadurch können sie sowohl zur Akuttherapie als auch zur Prophylaxe eingesetzt werden.
Obwohl beide am gleichen System angreifen, unterscheiden sie sich hinsichtlich Pharmakologie, Verteilung im Körper und zeitlichem Wirkprofil. Deshalb kann ein Wechsel zwischen beiden Medikamentengruppen durchaus erfolgreich sein.
Vielen Dank auch für Ihre freundlichen Worte über Ihren Aufenthalt in Kiel. Das freut uns sehr.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Göbel,
ich bin 57 Jahre und leide seit meiner Jugend an Migräne. Diese ist irgendwann chronisch geworden.
Mittlerweile habe ich viel ausprobiert (aktuell spritze ich mir seit Januar Aimovig, welches auch nur bedingt wirkt). Eine Ärztin hat vorgeschlagen, mit Ritalin zu beginnen (ich habe eine ADHS Diagnose). Das hat mich bisher wegen der möglichen Nebenwirkungen abgeschreckt. Gibt es diesbezüglich Erfahrungen, ob das zu einer (erheblichen) Verbesserung der Migräne führen kann?
Vielen Dank im voraus!
Meiken
Liebe Meiken,
ADHS und Migräne treten tatsächlich häufiger gemeinsam auf, als man lange angenommen hat. Beide Erkrankungen scheinen teilweise gemeinsame neurobiologische Grundlagen zu haben.
Ob eine Behandlung mit Methylphenidat (Ritalin®) die Migräne verbessert, lässt sich leider nicht allgemein vorhersagen. Größere kontrollierte Studien fehlen bisher. Aus der klinischen Erfahrung wissen wir jedoch, dass manche Patientinnen und Patienten mit ADHS unter einer gut eingestellten ADHS-Therapie auch eine Besserung der Migräne erleben. Vermutlich verbessert sich die Regulation von Aufmerksamkeit, Stress und Reizverarbeitung.
Bei anderen verändert sich die Migräne dagegen kaum oder sie verschlechtert sich sogar vorübergehend, beispielsweise durch Appetitminderung, Schlafveränderungen oder Blutdruckanstieg.
Wenn die ADHS-Diagnose gesichert ist und eine Behandlung medizinisch sinnvoll erscheint, würde ich sie deshalb nicht wegen der Migräne grundsätzlich ablehnen. Wichtig ist allerdings eine langsame Dosierung und eine sorgfältige Beobachtung beider Erkrankungen.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Hallo Herr Prof Dr Göbel,
Seit Anfang des Jahres hat sich meine chronische Migräne nochmal verschlechtert. Deswegen wurde ich von Aimovig auf Botox umgestellt. Unter dieser Umstellung erfolgte eine weitere Verschlechterung, weswegen ich im März einen Monat mit 13 Triptantagen hatte und danach zwei Monate in denen ich fast täglich Dimenhydrinat zu mir nahm.
Ab da entwickelte ich langsam eine tägliche Migräne. Anfangs noch mit kurzen Pausen (alle 3-4 Tage), mittlerweile dauerhaft. Kann es sein, dass es sich um einen Medikamenten-übergebrauchskopfschmerzdurch durch das Dimenhydrinat (in Kombination mit dem einen Monat zu viele Triptane) handelt?
Kommt so etwas vor?
Vielen Dank Ihnen und alles Gute
Marcell
Lieber Marcell,
ja, das von Ihnen geschilderte Szenario ist durchaus denkbar.
Für einen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz sind vor allem Triptane, Schmerzmittel und Opioide gut untersucht. Dimenhydrinat gehört eigentlich nicht zu den klassischen Auslösern. Wenn es jedoch nahezu täglich eingenommen wird, ist häufig die eigentliche Migräne bereits erheblich chronifiziert. Zudem können Sedierung, Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus und die tägliche Einnahme insgesamt zur Aufrechterhaltung des Schmerzgeschehens beitragen.
Viel wahrscheinlicher erscheint mir in Ihrem Fall, dass mehrere Faktoren zusammengewirkt haben: die Verschlechterung der chronischen Migräne, der Monat mit häufigem Triptangebrauch und anschließend die fast tägliche Einnahme von Dimenhydrinat.
Entscheidend ist jetzt, die aktuelle Situation gemeinsam mit Ihrem Neurologen sorgfältig neu zu bewerten. Gegebenenfalls sollte geprüft werden, ob eine Anpassung der Prophylaxe erforderlich ist oder andere moderne Therapieverfahren infrage kommen.
Ich wünsche Ihnen sehr, dass sich dieser Kreislauf bald wieder durchbrechen lässt.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Lieber Professor Göbel,
ich durfte während meines stationären Aufenthalts bei Ihnen im Juli eine Migränebrille mit grün getönten Gläsern (25%ige Tönung) testen. Sie hat mir sehr geholfen, deshalb würde ich sie mir sehr gerne privat zulegen. Können Sie mir sagen, ob sie bereits auf irgendeinem Wege im Handel erhältlich ist? (Bei der entsprechenden großen Optikerkette konnte man mir leider nicht weiterhelfen…)
Über einen Tipp würde ich mich wirklich sehr freuen.
Ganz herzlichen Dank und liebe Grüße 💚
Liebe Gaby,
es freut mich sehr, dass Ihnen die Brille während Ihres Aufenthaltes so gut geholfen hat.
Die Wirkung beruht auf einer speziellen grünen Lichtfilterung. Grünes Licht wird von vielen Menschen mit Migräne deutlich angenehmer empfunden als andere Wellenlängen und kann die Lichtempfindlichkeit reduzieren.
Leider ist die von uns getestete Brille derzeit noch nicht regulär im allgemeinen Optikerhandel erhältlich. Es handelt sich um eine spezielle Entwicklung, die noch nicht flächendeckend vertrieben wird.
Wir arbeiten daran, dass diese Möglichkeit künftig einfacher zugänglich wird. Einen konkreten Termin für eine allgemeine Markteinführung kann ich Ihnen derzeit leider noch nicht nennen.
Bis dahin können spezielle grüne Filtergläser oder entsprechende Clip-ons bei einzelnen spezialisierten Anbietern eine Alternative sein. Wichtig ist dabei, dass nicht jede grüne Tönung die gleiche spektrale Filterwirkung besitzt.
Ich freue mich sehr über Ihre positive Rückmeldung.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Lieber Herr Professor Göbel,
ich konnte seit April 2023 mit Ajovy meine Migräneattacken von durchschnittlich 12 Tage auf ca. 5 Tage im Monat reduzieren. Seit meiner Brustkrebs OP im November 2025 verliert Ajovy immer mehr an Wirkung. Die Antihormontherapie seit Februar 2026 mit Letrozol + Zoladex bewirkt zusätzlich eine Steigerung meiner Migränetage, aktuell sind es ca. 13-15 im Monat, die ich meistens mit Sumatriptan 50 mg behandeln muss. Mein Neurologe möchte den Antikörper momentan nicht wechseln. Wir versuchen mit Escitalopram, 5 mg seit Mitte Juli, mit Zieldosis 10 mg, etwas Ruhe ins Schmerzgeschehen zu bringen.
Gibt es von Ihrer Seite Erfahrungenswerte, wie die negative Auswirkung der Antihormontherapie auf die Migräne besser kompensiert werden kann?
Gibt es Prophylaxen, die sich für diese gesundheitliche Konstellation besonders eignen oder bewährt haben oder sollte ich noch auf die Wirkung von Escitalopram warten?
Ich danke Ihnen sehr für Ihre Antwort.
Herzliche Grüße
Karolina
Liebe Karolina,
vielen Dank für Ihre wichtige Frage.
Leider beobachten wir nicht selten, dass sich eine zuvor gut eingestellte Migräne unter einer Antihormontherapie wieder verschlechtert. Besonders Aromatasehemmer wie Letrozol und die medikamentös herbeigeführte Menopause durch Zoladex führen zu einem ausgeprägten Östrogenmangel. Gerade diese hormonelle Umstellung kann die Migräne deutlich verstärken.
Das bedeutet keineswegs, dass Ajovy plötzlich unwirksam geworden sein muss. Vielmehr wirkt jetzt ein neuer, sehr starker Trigger auf das Migränesystem ein. Dadurch reicht die bisher erfolgreiche Prophylaxe manchmal nicht mehr aus.
Escitalopram gehört nicht zu den klassischen Medikamenten der Migräneprophylaxe. Wenn jedoch gleichzeitig Anspannung, Schlafstörungen oder eine erhebliche psychische Belastung durch die Krebserkrankung bestehen, kann es indirekt zu einer Stabilisierung beitragen. Ob dies in Ihrem Fall gelingt, lässt sich nach wenigen Wochen allerdings noch nicht beurteilen.
Sollte sich die Situation nicht bessern, würde ich gemeinsam mit Ihrem Neurologen über eine Intensivierung der Migräneprophylaxe nachdenken. Möglichkeiten wären beispielsweise ein Wechsel auf einen anderen CGRP-Antikörper oder – je nach individueller Situation – ein Gepant zur Prophylaxe. Auch eine Kombination mit Botox kann bei chronischer Migräne sinnvoll sein.
Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass sich sowohl Ihre onkologische Behandlung als auch die Migräne gut stabilisieren.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Sehr geehrter Herr Prof Göbel,
ich war im Juli in der Schmerzklinik Kiel zur Medikamentenpause und habe trotzdem noch immer fast täglich Migräne.
Die 4 wöchige Pause war am 23.07. 26 beendet,
ich weiß nicht was ich noch machen kann.
Als Prophylaxe bekomme ich Botox.
Haben Sie eine Idee wie ich die Migränetage noch verringern könnte?
Sehr geehrter Herr Prof. Göbel,
ich (44) habe schon viele Jahre Migräne, aber seit Anfang des Jahres plötzlich besonders schlimm, mehr als 10 Attacken pro Monat, dazu Erschöpfung trotz ausreichend Schlaf, Stimmungsschwankungen, teils auch leichte Hitzewallungen.
Ich nehme seit Juni Topiramat als Prophylaxe, inzwischen 100 mg täglich, ohne wirkliche Besserung. Inzwischen denke ich aufgrund der zusätzlichen Beschwerden an einen Zusammenhang mit beginnender Perimenopause. Wäre das denkbar und wie gehe ich jetzt am besten vor, um mir Abhilfe zu schaffen bzgl Diagnostik und Therapie?
Ich weiß mir langsam nicht mehr zu helfen und bin schon zum zweiten Mal innerhalb von vier Monaten im Migränestatus.
Ist diese Erklärung überhaupt denkbar oder greife ich da bloß nach Strohhalmen?
Vielen Dank für Ihre Antwort!
Yvonne
Liebe Yvonne, bitte schreibe in ein eigenes Fenster. Du nutzt jetzt die Antwortfunktion von Catrin und da schreibt Professor Göbel später seine Antwort rein. Wenn du deinen Beitrag neu eingestellt hast, lösche ich hier.
Liebe Yvonne,
ja – Ihre Vermutung ist durchaus plausibel und keineswegs „an einen Strohhalm geklammert“.
Mit 44 Jahren kann die Perimenopause bereits beginnen. Gerade in dieser Phase kommt es nicht zu einem gleichmäßigen Hormonabfall, sondern zu teils erheblichen Schwankungen der Östrogenspiegel. Diese hormonellen Veränderungen gehören zu den häufigsten Ursachen dafür, dass sich eine zuvor stabile Migräne plötzlich deutlich verschlechtert. Erschöpfung, Stimmungsschwankungen und Hitzewallungen passen ebenfalls gut zu diesem Bild.
Wichtig ist allerdings: Nicht jede Migräneverschlechterung in diesem Alter ist automatisch hormonell bedingt. Deshalb sollte zunächst gynäkologisch abgeklärt werden, ob tatsächlich eine Perimenopause vorliegt. Die Diagnose stützt sich vor allem auf die Beschwerden und Veränderungen des Zyklus; Laborwerte können ergänzend hilfreich sein, sind aber wegen der starken Hormonschwankungen allein oft nicht aussagekräftig.
Topiramat benötigt zwar einige Wochen bis zur vollen Wirkung, nach mehreren Wochen in einer Dosis von 100 mg sollte jedoch zumindest eine erste Besserung erkennbar sein. Falls diese ausbleibt und Sie bereits wiederholt einen Migränestatus hatten, würde ich die Prophylaxe gemeinsam mit Ihrem Neurologen zeitnah neu bewerten. Heute stehen mit den CGRP-Antikörpern und den Gepanten sehr wirksame moderne Behandlungsoptionen zur Verfügung.
Sollte sich die Perimenopause bestätigen, kann zudem eine sorgfältig abgestimmte hormonelle Therapie in ausgewählten Fällen hilfreich sein. Dabei sollten Neurologe und Gynäkologe eng zusammenarbeiten, da sowohl die Migräneform als auch individuelle Risikofaktoren berücksichtigt werden müssen.
Ich wünsche Ihnen sehr, dass die Ursache bald geklärt wird. Ihre Schilderung passt durchaus zu einer hormonell bedingten Verschlechterung der Migräne – und dafür gibt es heute glücklicherweise mehrere therapeutische Möglichkeiten.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Liebe Catrin,
zunächst möchte ich Ihnen Mut machen.
Vier Wochen nach einer Medikamentenpause sind häufig noch zu kurz, um den endgültigen Behandlungserfolg beurteilen zu können. Das Nervensystem benötigt oft mehrere Wochen, manchmal sogar zwei bis drei Monate, um sich wieder zu stabilisieren.
Botox entfaltet seine volle Wirkung ebenfalls häufig erst nach dem zweiten oder dritten Behandlungszyklus. Deshalb lohnt es sich meist, die Behandlung konsequent fortzuführen, sofern sie gut vertragen wird.
Sollte die Migräne dennoch chronisch bleiben, wäre eine erneute Vorstellung bei Ihrem behandelnden Neurologen sinnvoll. Dann sollte geprüft werden, ob eine zusätzliche moderne Prophylaxe – beispielsweise mit einem CGRP-Antikörper oder einem Gepant – infrage kommt oder ob andere Faktoren wie Schlaf, Medikamente, hormonelle Einflüsse oder Begleiterkrankungen eine Rolle spielen.
Bitte verlieren Sie nicht den Mut. Auch nach langjähriger chronischer Migräne sehen wir immer wieder deutliche Verbesserungen.
Alles Gute für Sie!
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Hallo Prof. Göbel,
seit Jahrzehnten Spannungskopfschmerzen und Migräne, in den letzten Jahren täglich Spannungskopfschmerzen in unterschiedlicher Stärke (von 1 bis 10), und gelegentlich Migräne.
Macht es aus Ihrer Sicht Sinn, Botox auf Kopf, Stirn, Nacken auszuprobieren, ggf. auf eigene Kosten?
Vielen Dank im Voraus.
Liebe Victoria,
nach den bisherigen wissenschaftlichen Studien ist Botox für den chronischen Spannungskopfschmerz leider nicht wirksam. Deshalb wird diese Behandlung in den Leitlinien hierfür auch nicht empfohlen.
Anders ist es bei der chronischen Migräne. Dort gehört Botox zu den am besten untersuchten und wirksamsten Prophylaxen.
Da Sie zusätzlich Migräne haben, wäre zunächst wichtig zu klären, wie viele Kopfschmerztage und wie viele davon tatsächlich Migränetage sind. Wenn mindestens 15 Kopfschmerztage pro Monat bestehen und davon mindestens acht Migränetage sind, könnte Botox durchaus sinnvoll sein.
Ich würde deshalb zunächst gemeinsam mit einem auf Kopfschmerzen spezialisierten Neurologen genau den Kopfschmerztyp analysieren, bevor Sie eine Selbstzahlerbehandlung beginnen.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Hallo Herr Professor, ich hatte bei meinem zweiten Zyklus mit Botox eine schwere Nebenwirkung: bis zur zehnten Woche eine schwere Form von Muskellähmung, Zerrung, Steifheit in Hals, Nacken und Schultern. Ich konnte nicht den Kopf halten und nur liegen, habe einen Pflegedienst gebraucht. Wenn man im nächsten Zyklus jeweils vier Spritzen in Nacken und sechs Spritzen in Schultern/Trapezmuskel weglässt, ist dann völlig ausgeschlossen, dass diese Nebenwirkung noch einmal vorkommt? Kann Botox auch von den Injektionen in den Hinterkopf runterdiffundieren? Die Wirkung des Botox auf die Migräne war nämlich gut.
Wie lange dauert es, bis sich die Muskulatur wieder komplett erholt hat?
Liebe Dagmar,
die von Ihnen geschilderten Beschwerden sind glücklicherweise sehr selten, können aber auftreten. Vermutlich kam es bei Ihnen zu einer ausgeprägten Schwächung der Nacken- und Schultermuskulatur.
Wenn bei einer erneuten Behandlung die Injektionen in besonders empfindliche Muskelgruppen reduziert oder weggelassen werden, lässt sich das Risiko häufig deutlich verringern. Eine Garantie, dass die Nebenwirkung nicht erneut auftritt, gibt es leider nicht.
Eine relevante Diffusion über größere Entfernungen ist bei korrekter Injektion eher unwahrscheinlich. Meist erklärt sich die Nebenwirkung durch die Wirkung im behandelten Muskel selbst und die individuelle Empfindlichkeit.
Die vollständige Erholung erfolgt in der Regel innerhalb von zwei bis vier Monaten, gelegentlich kann sie auch etwas länger dauern. Da Sie gleichzeitig eine gute Migränewirkung hatten, würde ich eine erneute Behandlung nur gemeinsam mit einem sehr erfahrenen Behandler sorgfältig abwägen und das Injektionsschema individuell anpassen.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Guten Tag Herr Prof. Göbel Ich leide unter Migräne mit gleichzeitigen Tinnitus-Phasen. Meine persönliche Annahme: beide Störungen resultieren aus meinem überaktiven Nervensystem. Kann man den Zusammenhang wie folgt vereinfachen? Wenn bei mir der Migräneprozess aktiv ist, versetzt dieser die bereits vorhandene Hyperaktivität meines Hörnervs in ‚Overdrive‘ und verstärkt so das Tinnitus-Signal? Je höher die Migräneaktivität, desto lauter das Klingeln. Wenn sich die Migräneaktivität im Gehirn beruhigt, wird das Klingeln viel leiser.
Frage: könnte es sich hier um eine otologische bzw. Cochlea Migraine handeln? Warum findet man in der deutschen Medizin (noch) trotz des neurologischen Zusammenhangs zwischen Tinnitus und Migräne so wenig Akzeptanz und Unterstützung für diese beide miteinander zusammenhängenden Erkrankungen (individueller Behandlungsplan inbegriffen)? VG Markus
Lieber Markus,
Ihre Überlegung ist tatsächlich sehr gut nachvollziehbar.
Wir wissen heute, dass Migräne weit mehr ist als Kopfschmerz. Während einer Attacke verändert sich die Verarbeitung von Sinnesreizen im gesamten Gehirn. Dazu gehören auch Hörreize. Deshalb berichten viele Betroffene über verstärkten Tinnitus, Geräuschempfindlichkeit oder Druckgefühl im Ohr.
Ob man dies bereits als „cochleäre Migräne“ bezeichnet, ist derzeit noch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Dieses Krankheitsbild ist bisher nicht allgemein anerkannt und gehört noch nicht zu den etablierten Diagnosen der internationalen Kopfschmerzklassifikation.
Unabhängig von der Bezeichnung erleben wir jedoch durchaus Patientinnen und Patienten, bei denen Migräneaktivität und Tinnitus eng miteinander gekoppelt sind. Deshalb führt eine erfolgreiche Migräneprophylaxe häufig auch zu einer Besserung der Ohrsymptome.
Ich hoffe sehr, dass die Forschung dieses spannende Gebiet in den kommenden Jahren weiter aufklären wird.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Lieber Herr Professor Göbel,
vielen herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, uns zu helfen und unsere Fragen zu beantworten!
Ich hätte eine Frage zu Migräne bei Vaskulitis:
Bei mir wurde eine Vaskulitis als Verdachtsdiagnose gestellt, die Ähnlichkeiten (allerdings auch diverse Unterschiede) zum M. Behcet aufweist. Die Symtpome haben auf eine versuchsweise Therapie mit Colchicin für ca. 6 Monate eine deutliche Verbesserung gezeigt, danach hat sich die Symptomatik (u.a. Hautveränderungen und Gelenkbeschwerden) wieder verschlechtert.
Meine chronische Migräne besteht schon deutlich länger als die mutmaßlichen Vaskulitissymptome, jedoch hat sich die Migräne parallel zum Beginn der Symptome noch einmal verschlechtert.
Bei einem Neuro-Behcet könnte Migräne ja eines der Symptome sein, allerdings könnten unabhängig davon ja auch die permanenten Entzündungsprozesse im Körper die Migräne (als separate, eigenständige Erkrankung) triggern und aufrechterhalten bzw. verstärken.
Würde aus Ihrer Sicht eine Migräne auf dem Boden eines M. Behcet (oder einer vielleicht noch selteneren Vaskulitis aus diesem Formenkreis) anders therapiert werden als eine Migräne als eigenständige Erkrankung, die parallel zur Vaskulitis besteht?
Und sofern die Migräne eine separate Erkrankung ist, aber durch die Entzündungsprozesse getriggert würde, gibt es aus Ihrer Sicht Therapieansätze dafür, über den Versuch hinaus, die Vaskulitis und damit die Dauerentzündung therapeutisch zu beeinflussen?
Vielen herzlichen Dank für Ihre Einschätzung, ich weiß Ihre Hilfe sehr zu schätzen!
Herzliche Grüße,
Julia
Liebe Candlelight,
Sie sprechen eine sehr komplexe Fragestellung an.
Grundsätzlich sind zwei Situationen zu unterscheiden.
Zum einen kann eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems – beispielsweise ein Neuro-Behçet – selbst Kopfschmerzen oder migräneähnliche Beschwerden verursachen. Dann steht die Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund.
Zum anderen kann eine eigenständige Migräne bereits bestehen und durch die systemische Entzündung verstärkt werden. Chronische Entzündungsprozesse beeinflussen zahlreiche Botenstoffe des Nervensystems und können die Migräneschwelle herabsetzen.
In diesem Fall würde ich beide Erkrankungen parallel behandeln. Einerseits möglichst konsequent die entzündliche Grunderkrankung kontrollieren, andererseits die Migräne leitliniengerecht mit Akut- und Prophylaxetherapie behandeln.
Da Ihre Migräne bereits lange vor den Vaskulitissymptomen bestand, erscheint mir diese zweite Möglichkeit durchaus wahrscheinlich. Entscheidend bleibt jedoch die genaue neurologische und rheumatologische Einordnung.
Ich wünsche Ihnen sehr, dass die endgültige Diagnose bald gesichert werden kann.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Lieber Professor Göbel,
es geht um meinen Enkel, knapp 9 Jahre alt.
Er leidet under ADHS, Zöliakie, Autismus Spektrum und Migräne.
Pro Monat hat er 2 bis 3 Anfälle, die mit IBU 200 behandelt werden.
Nun hat er seid einigen Tagen fast jeden Tag Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit und Übelkeit hat er bei diesen Schmerzen nicht.
Wir achten auf einen regelmäßigen Rhythmus, Bewegung…
Wir sollen wir vorgehen?
Vielen Dank für Ihre Mühe
Rosinante
Liebe Rosinante,
bei Kindern verändern sich Kopfschmerzformen häufig im Verlauf. Wenn Ihr Enkel plötzlich seit mehreren Tagen nahezu täglich Kopfschmerzen hat, sollte dies zeitnah kinderneurologisch abgeklärt werden.
Nicht jeder tägliche Kopfschmerz bedeutet automatisch eine Verschlechterung der Migräne. Auch Infekte, Schlafmangel, Sehprobleme, Stress oder andere Erkrankungen können dahinterstecken.
Bis zur Vorstellung würde ich einen Kopfschmerzkalender führen und möglichst vermeiden, Schmerzmittel an zu vielen Tagen hintereinander einzusetzen.
Sollten zusätzlich Fieber, neurologische Auffälligkeiten, Erbrechen, starke Wesensveränderungen oder eine rasche Verschlechterung auftreten, sollte die Abklärung umgehend erfolgen.
Ich wünsche Ihrem Enkel gute Besserung.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel
Sehr geehrte Herr Prof Goebel, ich habe im Rahmen meiner Migräneattacken mehrmals pro Woch Extrasystolen mit Schwindel und vegetativen Symptomen . Unter den Rhythmusstörungen leide ich fast mehr als unter den Kopfschmerzen. Ich bin in der Perimenopause 57 Jahre und nehme als Medikation: Escitaopram 7,5mg, Metopromol 2x 12, 25mg , Ajovy ( seit 4 Monaten, kein Effekt), Famenita und Gynokadin als Hormonersatztherapie. Kennen Sie das Phänomen der ES und was könnte ich noch tun?
Kardiologisch mehrfach abgeklärt. Alles oB
Mit freundlichen Grüßen
Nicola
Liebe Nicola,
das von Ihnen geschilderte Zusammenspiel erleben wir tatsächlich immer wieder.
Migräne ist mit einer vorübergehenden Veränderung des vegetativen Nervensystems verbunden. Während einer Attacke können Herzfrequenz, Blutdruck und Herzrhythmus beeinflusst werden. Viele Betroffene berichten über Herzstolpern, Herzrasen oder Extrasystolen.
Besonders beruhigend finde ich, dass Sie bereits mehrfach kardiologisch untersucht wurden und keine Herzerkrankung festgestellt wurde.
Zusätzlich scheint bei Ihnen die Perimenopause eine wichtige Rolle zu spielen. Gerade hormonelle Veränderungen können sowohl Migräne als auch Extrasystolen verstärken.
Da Ajovy nach vier Monaten noch keinen ausreichenden Effekt zeigt, würde ich gemeinsam mit Ihrem Neurologen prüfen, ob ein Wechsel der Prophylaxe oder eine andere Behandlung sinnvoll sein könnte. Gleichzeitig lohnt sich eine enge Abstimmung zwischen Neurologie, Kardiologie und gegebenenfalls Gynäkologie hinsichtlich der Hormonersatztherapie.
Ich wünsche Ihnen sehr, dass sich beide Beschwerden gemeinsam wieder beruhigen.
Herzliche Grüße
Hartmut Göbel